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Bayerisches Handlungskonzept gegen Rechtsextremismus

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Besuch von KZ-Gedenkstätten

Besuch von KZ-Gedenkstätten als Teil der Werteerziehung unserer Demokratie
Anmerkungen zum MM-Artikel „Pflichtbesuch in KZ-Gedenkstätten“ vom 09.01.2008

Es ist dringend notwendig, die Anregung von Staatsminister Dr. Ludwig Spaenle in den Kontext der Bildungs- und Erziehungsauftrag unserer Schulen einzuordnen. Damit muß der Verzicht auf Schlagworte wie „Pflichtbesuch“, „Schock- und Betroffenheits-pädagogik“ oder die Abwertung der unter dem Art. 131 der Bayer. Verfassung zu sehenden Berufsethik von Lehrern einhergehen.

Konkret: Jeder bayerische Lehrer kann mit seiner Klasse oder Kursgruppe die KZ-Gedenk stätten in- und außerhalb Bayerns in seinen Unterricht einbeziehen. Er kann gemäß der Förderrichtlinien in der aktuellen Fassung vom 24.01.2008 mit Haupt- und Förderschülern ab Jgst. 8, „mit Schülern aller anderen Schularten ab Jgst. 9“ einen Zuschuß für solche außerunterrichtliche Schulveranstaltungen beantragen. Nach vorliegender Statistik für 2007 haben 788 Schulen mit knapp 49 000 Schülern an den Gedenkorten Dachau/Kaufering und Flossenbürg Gebrauch gemacht, weitere haben den Gedenkort Nürnberg (ehem. Reichsparteitagsgelände) besucht. Dies sind die wegen der Nutzung der Zuwendungen des Freistaats registrierten Besucherzahlen, nicht erfasst sind Klassen und Kursgruppen mit Lehrkräften, die´diese Lernorte besucht und eigenständig ihre Gruppen dort geführt haben – was für den Groß raum München und Oberbayern genauso wie für Flossenbürg eine deutliche Ausweitung bedeuten dürfte.

Dennoch: die Anregung, solche Lernorte noch mehr in das eigene Unterrichtsprogramm einzubeziehen, ist notwendig. Es sollte unter allen Umständen vermieden werden, dass es sich hier um eine „Zwangsvorführung“ (Peter Koch) handelt. Dem ist hinzuzufügen, dass ein verordneter Antifaschismus à la DDR“ sich nur kontraproduktiv auswirken dürfte. Beobachtungen von undisziplinierten Gruppen bei Gedenkstättenbesuchen lassen erahnen, welche negativen Begleiterscheinungen hier nur schwer in den Griff zu bekommen sind.

Erinnert sei deshalb an die „Fünf Thesen“ zum schulischen Besuch von KZ-Gedenkstätten als Teil des Unterrichts (!) von Phil. C. Langer (2006), die im Themenheft 1/2008 der „Einsichten und Perspektiven“ der Bayer. Landeszentrale für politische Bildung jedermann zugänglich sind. Eine „Erziehung nach Auschwitz“ folgt einer Grundsatzaussage von Hannah Arendt: „Man kann nicht erziehen, ohne zugleich zu lehren. Eine Erziehung ohne Lernen ist leer und degeneriert daher besonders leicht in in ein moralisch-pathetisches Gerede. Aber man kann sehr wohl lehren, ohne zu erziehen und man kann bis ins späte Altern lernen, ohne erzogen zu werden.“ Für uns Lehrer gilt dieser Grundsatz, ohne uns auf die x-te Variante einer Fachdiskussion über den umstrittenen Begriff der „holocaust education“ einzulassen. Und es muß in der Entscheidung der (Fach-) Lehrkraft bleiben, wann und mit welcher Lerngruppe sie einen Besuch des Lernorts KZ-Gedenkstätte als geeignete Methode den Varianten Zeitzeugen Vortrag und –gespräch, Dokumentarfilm oder Spielfilm vorzieht. Ob Geschichtslehrer, politischer Bildner, Religions-, Ethik oder Deutschlehrer – er/sie wird den geeigneten Zeitpunkt und die geeignete Methode wählen, um neben Faktenwissen auch den Focus der Menschenrechte zu beachten, kurz: „Herz und Charakterbildung“ als wichtiges Erziehungsziel sehen.

Willi Eisele, OStD,
Landesvorsitzender des BGLV e.V. und der Fachgruppe Geschichte/Sozialkunde im Bayer. Philologenverband, Kiefernweg 1, 82515 Wolfratshausen

Fachlehrplan Geschichte

Eigenständigkeit der Fächer G/Sk steht für Unterrichtsqualität: Notwendige Anmerkungen zum Fachlehrplan Geschichte für die Oberstufe der Gymnasien in Bayern

Der Bayerische Geschichtslehrerverband e.V. und die Landesfachgruppe G/Sk im bpv e.V. haben sich erneut mit dem zum 01.08.2009 umzusetzenden Fachlehrplan Geschichte befasst, der durch einen aktuellen Feuilletonbeitrag in die öffentliche Kritik geraten ist. Auf den heftigen Schlagabtausch möchten wir sachlich und konstruktiv-kritisch reagieren, zumal das Pressereferat des BayKM inzwischen Kürzungen beim Oberstufenlehrplan zugegeben hat. Nicht der Sache dient allerdings ein Aufrechnen, wann welches Thema in Geschichte und in Sozialkunde, ggf. auch noch in weiteren Fächern behandelt werden könne oder wenn erstmals vom “Lehrplan von 2004“ die Rede ist. Fakt ist, dass der Fachlehrplan jahrgangsstufenweise (!) konzipiert und ein Oberstufenlehrplan erst 2009/2010 aufgesetzt werden soll. Eingriffe aus der Amtsspitze in Bezug auf Kürzungen hatten einen Dominoeffekt, der die Arbeit der Fachkommission belastet hat. Eine Bewertung eines Gesamtlehrplanwerks wird auch erst mit Erscheinen neuer Fachbücher möglich sein, so dass derzeit eine Zurückhaltung im Hinblick auf den „großen Wurf“ anzuraten ist. Leider sind diskussionswürdige Defizite dem Druck von Kürzungen vorschnell geopfert worden.

Ein Fachlehrplan für Geschichte am Gymnasium muß zuallererst das Ziel gymnasialer Arbeit im Blick haben: eine vertiefte Allgemeinbildung und die Studierfähigkeit, die eine solide Fachbildung, die Heranführung an eine Kritikfähigkeit im „Denkfach Geschichte“, ein Fundament im Grundwissen mit ansteigendem Niveauanspruch. Daß hierfür zunächst für die gymnasiale Oberstufe in der Stundentafel drei (!) Wochenstunden im Fach Geschichte vorgesehen waren, war sachlich begründet und die Grundlage für einen Lehrplanentwurf, der zeitlich und nun auch in den Fachinhalten gekürzt wurde – übrigens nicht nur in Bezug auf Themen wie Nationalsozialismus oder die deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte (Bsp. nur ca. 7 WS für die Ge schichte der zweiten Diktatur auf deutschem Boden, der DDR – ein Zufall?).

Unsere konstruktive Kritik richtet sich daher gegen jede Form von Beliebigkeit, Verharmlosung und (verordnetem) Vergessen, bezogen auf ein weites Themenspektrum und deutlich zurückreichend vor das 20. und 19. Jahrhundert bei Themen, die im Kontinuum und in Brüchen der Geschichte konstitutiv für unsere Werteordnung sind: „Wer wenig weiß, nimmt Tendenzen nicht wahr, wie Diktaturen entstehen – wer nichts weiß, muß alles glauben!“ Wissen über Geschichte belastet nicht, sondern es schützt unsere Jugend gegen ideologische Manipulation.

Kürzungen im Fach Geschichte lassen Strukturen und Zusammenhänge auf Module schrumpfen, die ein Schüler eigenständig nicht sinnvoll vernetzen kann. Damit wird der Bezug zu aktuellen „lebensweltlichen“ Zusammenhängen nicht mehr vermittelbar. Begriffe wie „Entsorgen, Entmüllen, Entrümpeln“ verbieten sich deshalb für das Fach Geschichte und alle Fächer, die eine vertiefte Allgemeinbildung ihr Bildungs- und Erziehungsziel nennen. Positiv ist daher am Oberstufenlehrplan für das Gymnasium in Bayern, dass er die Verengung auf das 20. Jahrhundert aufbricht und gesellschaftliche und politisch-philosophische Grundlagen für die Gegenwart aufgreift, die konstitutiv für die geschichtliche und politische Bildung sind.

Gegenüber den Entscheidungsträgern steht nach wie vor das Angebot, unseren Fachverstand in die aktuell notwendige Debatte einzubringen.

Für die Landesvorstände des Bayerischen Geschichtslehrerverbandes e.V. und die Landesfachgruppe Geschichte/Sozialkunde im Bayer. Philologenverband e.V. – gez. Willi Eisele

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Bayerischer Geschichtslehrerverband e.V.

Vertretung der Interessen des Faches und seiner Lehrkräfte gegenüber den Entscheidungsträgern in Bayern

SPÄTER SIEG DER DIKTATUREN?

Klaus Schroeder (Hrsg.) u.a., Später Sieg der Diktaturen? Zeitgeschichtliche Kenntnisse und Urteile von Jugendlichen,
Studien des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin, Bd. 17 (Frankfurt, 2012), 608 S., geb., det. Verzeichnisse (Literatur, Tabellen, Schaubilder), Abdruck des Fragebogens (2010) im Anhang S. 573-607, 39,80 EURO, ISBN 978-3-631-63741-8

Mit vorliegenden Band ziehen Prof. Dr. Klaus Schroeder und sein Team vom Forschungsver-bund SED-Staat an der FU Berlin Bilanz aus einem Umfrageprojekt (2009/2012), das „Kennt-nisse, Bilder, Deutungen“ zum zeitgeschichtlichen Bewusstsein Jugendlicher untersuchte: Unter Rückgriff auf Erkenntnisse aus einer Vorstudie zum DDR-Bild von Jugendlichen (2008) haben die Forscher die Themen erweitert auf Nationalsozialismus, DDR und Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung mit dem Ziel, herauszufinden, wie sich unter Schülern der Abgangsklassen der Sekundarstufe I (Mittel-, Regelschulen, Haupt- und Realschulen, Gymnasien) in den Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ein „Geschichtsbild konstituiert und verändert“ hat. Befragt wurden in zwei Untersuchungsschritten 5.412 Schüler in ihren Klassen und 1.992 Schüler als Besucher von vier Gedenkstätten in Berlin (Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Topographie des Terrors, Stasi-Museum und die Gedenkstätte Hohenschönhausen), bei denen ca. 600 Schüler als Kontrollgruppe einer zeitversetzt anberaumten Nachumfrage unterzogen wur den. Erklärungsbedarf besteht bei jenen Bundesländern und deren Bildungseinrichtungen, die sich der Umfrage verweigert haben – ein Wermutstropfen, den die Forschergruppe hinnehmen musste.

Entsprechend dem historisch-politischen Erziehungs- und Bildungsauftrag zielt die Studie darauf ab, zu bilanzieren, inwieweit real praktizierter Geschichts- und Politikunterricht auf der Basis der 2009 gültigen Fachlehrpläne und Rahmenrichtlinien und die Konzepte für Erinnern und Gedenken (Gedenkstättenpädagogik) zielführend ist: Können junge Menschen die Trennlinien zwischen Demokratie und Diktatur kennen, sind sie inhaltlich und begrifflich in der Lage, sie den vier Etappen der deutschen Geschichte richtig zuzuordnen und zu bewerten? In die Untersuchung einbezogen wurden auch Fragen nach dem Einfluß von (bildungswilligen) Eltern, des persönlichen Umfelds, von Zeitzeugen und Medien sowie der Rolle einer (vermutet) wirkungsmächtigen Erinnerungs- und Geschichtspolitik. Der zunehmenden Heterogenität der Schülerschaft geschuldet ist die Einbeziehung von Schülern mit Migrationshintergrund („Migrantenkinder“).

Für den Geschichtslehrer und den Mittler der politischen Bildung stellen die Kapitel 2 – 5 einen Fundus dar, der für die Gestaltung seines Fachunterrichts eine grundlegende Orientierung anbietet: Diskutiert wird darin das Fundamentum (Geschichtsbilder, Geschichtsbewusstsein, Erinnerungs- und Geschichtspolitik) in Didaktik und empirischer Unterrichtsforschung mit einer kritischen Sicht auf didaktische Positionen („wissenschaftliche Verortung“) einerseits und öffentlicher sowie (fach-) wissenschaftlicher Reaktionen auf erkannte Mängel des Geschichtsunterrichts v.a. seit 1990/91.

Die aktuelle Studie (2012) bestätigt erneut und eindrucksvoll den direkten Zusammenhang von Kenntnisgrad und Urteilsfähigkeit und damit die bekannte Redewendung: „Wer nichts weiß, muß alles glauben!“ In mehreren Feldern ist der Wissensanteil in Thüringen am höchsten und in Nordrhein-Westfalen am niedrigsten, wobei themenbezogen die Schüler über die NS-Diktatur mehr wissen (61%), weniger über die DDR (45%) und am wenigsten über das wiedervereinigte Deutschland – ein sehr deutlicher Beleg für das Zeitproblem bei unvertretbar niedrigen Unterrichtsanteilen. Daß Schüler aus westdeutschen Schulen vergleichsweise schlecht abschneiden, liegt auch an der Einbeziehung des Migrantenanteils. Um Binnenwanderungs- und Migrationseffekte bereinigt liege der Kenntnis- und Wissensstand bayerischer Schüler knapp vor Gleichaltrigen aus Thüringen.

Wie stark die Trennlinien in der Beurteilung von Demokratie und Diktatur(en) verwischt werden, belegen „erschreckende“ Ergebnisse hinsichtlich der Fragen nach der (demokratischen) Legitimierung der untersuchungsgegenständlichen Systeme: keinen Zweifel am Diktaturcharakter des NS-Regimes haben nur jeder zweite Proband, nur ein Drittel der Schüler bezeichnen die DDR „zweifelsfrei“ als Diktatur. Die Bundesrepublik „alt“ und das wiedervereinigte Deutschland wird „nur von gut 60% ausdrücklich als Demokratie“ eingestuft, knapp 40% der Befragten sind nicht in der Lage, zwischen Diktatur und Demokratie zu unterscheiden. Erlebnis- und erfahrungsbezogen sind die positiven Antworten auf Fragen nach einer Einschätzung der politischen Ordnung im wiedervereinigten Deutschland, während die Bundesrepublik „alt“ als deutscher Teilstaat eher neutral eingestuft wird - negativ wird die Zeit „im Westen“ vor 1989/91 von immerhin 15%.

Nicht überraschend ist, dass der Einfluss von Gedenkstättenbesuchen auf zeitgeschichtliche Kenntnisse und selbst erarbeitete Wertungen gering bleibt: „Gedenkstättenhopping“ oder ein „Gedenkstättendurcheinander“ sind kontraproduktiv, sofern sie nicht intensiv vor- und nachbereitet, d.h. in den Unterricht integriert werden – hier moniert die Studie eine mangelnde Kontextualisierung (fehlendes Grundwissen, Planungsprobleme).

Aus der Längsschnittuntersuchung des Forschungsverbundsprojekts – dreimalige Befragung ausgewählter Klassen innerhalb von 18 Monaten ergaben sich „signifikante Lerneffekte“ hinsichtlich des Faktenwissens, aber auch einer angemesseneren „Systembeurteilung“. Es bestätigt sich die Tendenz aus der Querschnittsuntersuchung: Negatives Bild von der NS-Diktatur, gespaltenes Meinungsspektrum zur Nachkriegsgeschichte für die Bundesrepublik „alt“ und die DDR. Auch hier erweist sich, daß die Kenntnisse über ein System einen nachhaltigen Einfluß aus das Schülerurteil haben. Wer sich von „images“, Vorurteilen, sozialer Erwünschtheit und Propaganda leiten lässt, dem sei – so das Fazit der Untersuchung – „durch eine Werteerziehun g i.S. der freiheitlich-demokratischen Verfassung nur bedingt etwas entgegen zu setzen“. Ein konkretes Beispiel: In den Lehrplänen des Landes Nordrhein-Westfalen fehle ein Rückbezug auf die freiheitlich-demokratische Verfassungsordnung des GG, hinsichtlich der NS-Diktatur werden weder dessen totalitäre Strukturen noch die Zerstörung des Rechtsstaates thematisiert, „selbst die Bezeichnung als Diktatur fehlt“. Damit überrasche nicht, daß die im bevölkerungsreichsten Bundesland die DDR nicht als Diktatur, sondern als „praktische Alternative“ beschrieben werde (S. 526). Daß in NRW in jüngster Zeit erhebliche Kürzungen des Geschichtsunterrichts bei gleichzeitigem methodischem „Umbau“ zu registrieren sind, unterstreicht den Befund der vorliegenden Studie. Insgesamt konzediert die Auswertung der Umfrage, daß der zeitgeschichtliche Unterricht einen „sichtbaren Beitrag zur Verbesserung des historisch-politischen Wissens der Schüler leistet“ – systemübergreifender Wissenstransfer komme allerdings zu kurz, was schulische, historisch-politische Bildung defizitär erscheinen lässt – Handlungsbedarf der politisch Verantwortlichen ist daher in allen (!) Bundesländern gegeben, um den Bildungsauftrag „Werteorientierung“ nach dem Maßstabes des Grundgesetzes zu erfüllen. Freiheit, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und pluralistische Demokratie sind die Eckpfeiler, vermittelt im zeitgeschichtlichen Kontext: „Historische Kenntnisse sind unverzichtbar und wesentlich für die Urteilsbildung – ohne sie sind Bewertungen des historischen Geschehens lediglich Vorurteile, Klischees, Bekenntnis- oder Gesinnungsformeln“, die der Legendenbildung Tür und Tor öffnen. Reflexiver Fachunterricht – so formulieren die Autoren ihr Fazit – „vermag mehr als nur Fakten aneinander reihen oder die ‚richtige Gesinnung’ zu vermitteln. Entsprechend deutlich fallen die Kernempfehlungen der Studie für den Unterricht an den Schulen und die Konzepte für die Gedenkstättenarbeit aus (S. 528-546). Um der Verharmlosung, das Weichwaschen beider Diktaturen auf deutschem Boden im 20. Jhdt. entgegenzutreten, die teilweise auch durch gezielte Propaganda und zu stark subjektiv gefärbte Erzählungen bewirkt wird, sei daran erinnert, daß ein Zeitrahmen für den Fachunterricht oder außerunterrichtliche Projekte und deren fachliche Betreuung angemahnt werden muß (vgl. die Mainzer Erklärung des VGD e.V., 2005), ergänzt durch eine verbesserte (Fach-) Lehrerausbildung. Wie dringlich erzieherisches Handeln hier ist, zeigen Kopfzeilen seit Bekanntwerden der aktuellen „Schroeder-Studie“ (28.06.2012): „Diktatur? Demokratie? – keine Ahnung!“„Schüler können nicht zwischen Nazi-Deutschland, DDR und BRD unterscheiden“. Fazit des Rezensenten: Diese Studie gehört in die Hände von Hochschullehrern, Seminarlehrern und Fachlehrern mit Geschichte, Sozialkunde/politische Bildung aller Schularten, v.a. sollte sie zum „Handapparat“ von Lehrplankommissionen und Fachreferenten in den Kultus- und Wissenschaftsministerien gehören und auf Seiten der Bildungs- und Kulturpolitik als Entscheidungsgrundlage des Gesetzgebers effektiv genutzt werden.

Willi Eisele, Wolfratshausen


Baden-Württembergische Erinnerungsorte

Reinhold Weber, Peter Steinbach, Hans-Georg Wehling, Hrsg., Baden-Württembergische Erinnerungsorte, Stuttgart, Kohlhammer-Verlag für die BWLZpolB (2012), III, 615 S., 510 meist farbige Abb, Fotos und Graphiken, geb., 23 x 30,9 Verlagspreis 39,90 EURO, ISBN 978-317021739-3; Bezugspreis über die Baden-Württembergische Landeszentrale für politische Bildung 19,50 EURO plus 5,50 EURO Versandkosten via marketing@lpb.bwl.de

Baden-Württemberg, der Südwest-Staat, ein „Bindestrich-Land“ feiert sein 60-jähriges Bestehen unter dem Motto „Wir feiern in die Zukunft rein – mit Menschen, die heute schon an über morgen denken“. Es ist das einzige Land, das nach Art. 118 GG, demokratisch legitimiert durch Volksabstimmungen in Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern und nach zwei Verfahrensgängen vor dem Bundesverfassungsgericht am 25.04.1952 sich erfolgreich konstituiert hat – ein Beispiel für eine geglückte Neugliederung im Bundesgebiet.

Dr. Reinhold Weber (*1969, BWLZpolB, Historiker an der Universität Tübingen), Prof. Dr. Peter Steinbach (*1948, Historiker an der Universität Mannheim) und Prof. Dr. Hans-Georg Wehling (*1938, bis 2003 als Politologe Leiter der BWLZpolB bis 2003) zeichnen als Herausgeber für das Konzept des inhaltlich und gestalterisch anspruchsvollen Jubiläumsbandes, denen namhafte Autoren zugearbeitet haben. Während 2002 das „landeskundliche Volksbuch“ zum 50-jährigen Gründungsdatum des Südweststaates in der Regie von Prof. Dr. Hans-Georg Wehling 12 historische Räume als „Bewusstseinsregionen“ vorstellte, rücken im vorliegenden Band 51 baden-württembergische Erinnerungsorte in den Fokus. Die aktuelle Publikation leistet einen fundierten Beitrag zum individuellen und kollektiven Gedächtnis für Einheimische, Zu- und Weggezogene sowie touristisch interessierte Besucher des „Musterländles“ – vom Bodensee bis nach Tauberfranken, von Rhein und Neckar bis an die Landesgrenze zu Bayern.

Erinnerungsorte, die als langlebige, Generationen überdauernde Kristallisationspunkte kollektiver Erinnerung und Identität gelten, lagen einem mehrbändigen Werk des französischen Historikers Pierre Nora (1984/1992) und dem Konzept der 3-bändigen Publikation von Etienne Francois und Hagen Schulze (Deutsche Erinnerungsorte, 2001) zugrunde. Die Jubiläumsschrift über baden-württembergische Erinnerungsorte geht methodisch in Richtung einer „Foederalisierung“, um Dezentralität als Spezifikum von gewachsenen Strukturen, Institutionen und Querverbindungen sozialer Erfahrungsbestände zu nutzen (vgl. Alois Schmid und Katharina Weigand, Schauplätze der Geschichte in Bayern, 2003 bzw. Hans-Georg und Rosemarie Wehling, Wegmarken südwestdeutscher Geschichte, 2004). Die 51 Erinnerungsorte verstehen sich somit als „Integral von wenigstens drei, wenn nicht von vier ‚Landesgeschichten’“ im Südwesten: Baden, Württemberg, Hohenzollern und Vorderösterreich (Freiburg, Breisgau, Konstanz, sechs Oberämter zwischen Offenburg, Tettnang und Bayer. Schwaben).

Konzentriert auf das 19. und 20. Jahrhundert als „Vorgeschichte der Gegenwart“ schöpfen die Beiträge des Jubiläumsbandes aus einem reichen Potential, um ein landesgeschichtliches Erbe zu identifizieren und aus der Symbolkraft der einzelnen Orte Traditionslinien herauszuarbeiten – bezogen auf die Territorien, auf Adels- und Bürgergeschlechter, auf geistig-religiöse, aber auch wirtschaftlich-soziale Entwicklungsprozesse. Hinsichtlich der Bevölkerungsstruktur zeigen die Autoren auf, welchen Stellenwert der Migration zukommt: Auswanderungswellen sollten durch Binnen- und Zuwanderung, Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg wurden durch Einwanderungsfolgen und die Entwicklung von Nachbarschaftsräumen am Rhein kompensiert.

Die Herausgeber verstehen den Jubiläumsband nicht als enzyklopädisches Vademecum oder als Reiseführer in die Vergangenheit Baden-Württembergs, ihre Auswahl ist Angebot und Einladung zur selbsttätigen Weiterarbeit durch Begegnung. Mit dem sprichwörtlichen Mut zur Lücke nimmt die Publikation Kritik in Bezug auf „weiße Flecken“ in Kauf und nimmt sie als Anregung für Nachfolgeprojekte an. Berücksichtigt wurde ein Proporz: 17 rein badischen Beiträgen stehen 19 rein württembergische Themen gegenüber, länderübergreifend verstehen sich 14 Aufsätze – nur einer ist spezifisch für den dritten Landesteil: „Hohenzollern wird preussisch“ widmet sich der Erbhuldigung der 300 Deputierten aus den Fürstentümern Hhz.-Hechingen und Hhz.-Sigmaringen (1851) und schlägt mit der Errichtung des Hohenzollerischen Landesmuseums im Alten Schloß zu Hechingen (2005) den Bogen ins 21. Jahrhundert.

Der Jubiläumsband gliedert sich in 13 Kapitel: drei Beiträge widmen sich der Staatssymbolik (dem Landeswappen, den drei Landeshymnen der „Ausgangsländer“, der alten Staatsgrenze aus napoleonischer Zeit als „Grenze a.D.“), sechs Aufsätze behandeln Charakteristika aus Räumen und Territorien, acht Autoren widmen sich demokratischen Traditionen und der Entwicklung der politischen Kultur im 19./20. Jhdt., drei Beiträge behandeln die Industrialisierung (Bsp. Lörrach, Mannheim, Unternehmerportraits von Gottlieb, Carl Benz und Robert Bosch), drei Aufsätze widmen sich dem Thema Migration(en) in Richtung Südosteuropa und nach Übersee sowie der Rolle der Gastarbeiter für Baden-Württemberg. In Anlehnung an das aktuelle Leitthema eines Historikertages richtet sich das Augenmerk von drei Verfassern dem Phänomen der Grenzüberschreitungen und Begegnungen (Bsp. der Straßburger Rheinbrücke, dem Bodensee als Gemeinschaftsbesitz dreier Anrainerstaaten, der „kleinen Weltstadt Baden-Baden). Die Themen Gesellschaft, Religion, Bildung und Soziales werden an den Erinnerungsorten Tübingen und der Hochschullandschaft in Baden-Württemberg, an Korntal, den württembergischen Kirchenkonventen im 17./19. Jhdt., dem gesellschaftlichen Engagement am Beispiel des Stuttgarter Waisenhauses und dem gemeinnützigen Badischen Frauenverein festgemacht, Kunst und Architektur widmen sich Aufsätze über den Bernauer Landschaftsmaler Hans Thoma (1839-1924) und die Gegensätze zwischen Traditionalismus und der Architektur der Moderne in Städten und im ländlichen Raum im 20. Jhdt. Zwei Kapitel behandeln Aspekte der Gefährdung der Weimarer Republik und die NS-Diktatur (u.a. Bad Griesbach, Biberach und Buttenhausen als Erinnerungsorte an Matthias Erzberger), Laupheim und seine jüdische Geschichte, Gurs (Basses Pyrénnées) als Deportationsort der Juden aus Lörrach, dem Elsaß und der Saarpfalz. Weitere Beiträge sind der Erinnerung an die „Bekennende Kirche“ (Ulm, 1934), an den Attentäter Georg Elser aus Königsbronn (München. Bürgerbräukeller, 8.11. 1939), das Kriegsende im Raum Crailsheim einschließlich der Akte von rücksichtslosem Fanatismus von NS-Schergen gegen das eigene Volk angesichts der totalen Niederlage im April 1945. Für Kriegsfolgen und Wiederaufbau stehen Beiträge über die Verfassungs- und Gesetzgebung (Große Koalition unter Gebhard Müller und Carlo Schmid) für Württemberg-Hohenzollern im Winterrefektorium zu Bebenhausen (1946/52) und die Geburt des Südweststaates, die „Westorientierung“ von Flüchtlingen, Heimatvertriebenen und Spätheimkehrern, die Werteorientierung in der „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“ (Stuttgart/ Bad Cannstatt, 1950) und die „Speech of Hope“ (US-Außenminister James F. Byrnes, Stuttgart, 1946) als Markstein für den Wiederaufbau und den späteren Zusammenschluß der Westzonen, die Gründung der Bundesrepublik Deutschland mit der Perspektive des GG für die Ein heit Deutschlands in Frieden und Freiheit. Zwei Aufsätze des Kapitels „Literatur und Medien“ gelten Marbach am Neckar als Olymp und Hades der Literatur in der schwäbischen Provinz, originell eingeleitet mit der bekannten Anekdote über den Besuch Queen Elizabeth’s II. im Schiller-Nationalmuseum (1965) und ihrer Frage „Where are the horses?“ (Landesgestüt

Marbach an der Lauter/Gomadingen-Dapfen) und einem Beitrag über die Entwicklung von Hörfunk und Fernsehen im Südwesten bis zur Fusion von SDR und SWF zum Südwestrundfunk (SWR, 1998) innerhalb eines „Mediendschungels“ privater Konkurrenten. Dem Weinland Baden-Württemberg ist ein eigenes Kapitel gewidmet: am Beispiel des Erinnerungsorts Hagnau am Bodensee wird die Topographie des viertgrößten Weinanbaugebiets (Bodensee, Oberer Neckar, Remstal/Stuttgart, Unterland und Kocher-Jagst-Tauber) neben den badischen Anbaugebieten (Tauberfranken, Bad. Bergstraße, Kraichgau, Ortenau, Breisgau, Kaiserstuhl, Markgräflerland, Bodensee) vorgestellt. Abschließend stellen sich drei Aufsätze Fragen der jüngsten Zeitgeschichte: der kommunalen Gebietreform (1970 ff) am Beispiel Villingen-Schwenningens, der Anti-KKW-Bewegung in Wyhl am Kaiserstuhl („Nai hämmer gsait!“,
1973/83) als Ausdrucksform der Neuen Sozialen Bewegungen und ihren verschiedenen Motivationslagen mit dem Blick auf die Wahlerfolge der GRÜNEN (OB-Wahl Freiburg, 2002) und der Landtagswahl am 27.03.2011, aus der Winfried Kretschmann als erster grüner Ministerpräsident hervorgegangen ist – ohne Wyhl unvorstellbar? Der Sammelband schließt mit einem Beitrag über „Stammheim als Ort der Erinnerung“ an den Terror der Baader-Meinhof-Bande – Anarchistische Gewalttäter (Fahndungsplakat, 1972), an den „Beton gewordenen Versuch des Rechtsstaates, auch seinen größten Feinden ein faires Verfahren zu ermöglichen und sich gleichzeitig vor diesen zu schützen“ und an die Befreiungspläne der RAF-Anhänger für die „Stammheimer“, aber auch an die Verfolgung einer kriminellen Vereinigung „mit Mitteln, die das gesetzlich zulässige Maß mehrfach überschritten“ (Ulf G. Stuberger, 2007).

Daß der Jubiläumsband zur Geschichte Baden-Württembergs so unvermittelt und abrupt endet, ist ein Beleg für die Geschichte als ergebnisoffenem Prozeß. Ihre Abrundung findet die Publikation mit Literaturhinweisen (S. 596-602), einem alphabetisch geordneten, kommentier ten Verzeichnis der Autorinnen und Autoren (S. 603-605), Abbildungsnachweisen (S. 606 f.), einem Personenregister (S. 608-612) und einem Ortsregister (Eingemeindungen gem. Gebietsreform 1970 ff., S. 613-615).

Die Veröffentlichung begleiten Grußworte des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann und des Direktors der Landszentrale für politische Bildung, Lothar Frick. Dem sehr anschaulich gestalteten Bildband mit seinen anregend verfassten Aufsätzen auf erfrischend hohem Niveau ist eine flächendeckende Verbreitung zu wünschen – in Instituts- und Schulbibliotheken, aber auch als durch Karten- und Bildmaterial anspruchvoll ausgestatteten Geschenkband für die Bürger des Landes Baden-Württemberg und seine Gäste.

Willi Eisele
Wolfratshausen

Piraten ahoi!

Anna-Lena Wilde,
Piraten ahoi! Warum junge Menschen die Piratenpartei entern,

Berlin, pro universitate-Verlag im BWV, 2011, 60 S., kt., 9 sw-Graphiken,
ISBN 978-3-83053018-3; 9,80 EURO

Was lässt eine politische Gruppierung zwischen 2006 und 2011 zur „Piratenpartei Deutsch-lands“ werden, die den etablierten Volksparteien durch das Wahlergebnis vom 18.09.2011 das Fürchten lehrt? Gab allein die bundesweite Kampagne „Zensursula“ (2009) den Ausschlag, als Bundesministerin Ursula von der Leyen Internetsperren für Seiten mit kinderpornographischen Inhalten ankündigte?

Anna-Lena Wilde (*1985), Studierende im M.A.-Studiengang für Politikmanagement/Politikberatung an der Universität Duisburg hat untersucht, welche Anreize die Piraten für junge Mit glieder anbieten. „Internetaffine“ junge Menschen im Alter von durchschnittlich 29 Jahren, v.a. Jungwähler werden vom Thema der Piraten angesprochen: Gegen Internetsperren, gegen die Vorratsdatenspeicherung oder die sog. Bundestrojaner, was zunächst zum Attribut „Ein-Themen-Partei“ führte. Gegründet 2006 trat die neue Partei zunächst bei den Landtagswahlen in Hessen (2008: 0,3%; 2009: 0,5%), bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg (2008: 0,2%), bei der Europawahl (2009: 0,9%) und weiteren Wahlen 2010/11 an, die im Ergebnis für die Partei für „Freiheit im Internet“ bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus kumulierten (2011: 5,0% Erst- und 8,9% Zweitstimmen, 15 Mandate).

Mit diesen Erfolgen setzte auch seitens der Partei- und Wahlforschung sowie ein gesteigertes Medieninteresse ein. Das aktuelle Programm der Piratenpartei umfasst derzeit 15 Forderungen (http://www.piratenpartei.de/unsere_ziele; Stand 07.11.2011), die den Themenfeldern Demokratie, Demokratisierung von Bildung, Existenzsicherung, Partizipation, Geschlechterpolitik, Umweltfragen, Schutz des „whistle blowing“, der Privatsphäre und des freien Wissensaustausches sowie der Datenschutz bei Ablehnung zentraler Datenbanken und der Erfassung von bio metrischen Daten (vgl. Personal-, Reisepässe). Piraten setzen sich für die „digitale Revolution“ als Vehikel des gesellschaftlichen Fortschritts ein. Transparenz, d.h. Öffentlichkeit allen Regierungshandelns sowie Freiheit und Vielfalt individueller Lebensstile runden den Forderungskatalog ab.

Für die Parteiorganisation gelten die Prinzipien der offline-Organisation (mit „crews“ aus 5-9 Mitgliedern; Berlin, NRW; andernorts in Ortsverbänden, Bsp. Potsdam; Kreis- und Landsverbänden seit 2009, Bundesvorstand, Dachverband Pirate Parties International). Für die Jugendorganisation „Junge Piraten“ gibt es kein Mindestalter für den Beitritt (2010). Online bieten die Piraten über das „Piratenwiki“ breite Möglichkeiten der Information und Mitarbeit (z. Bsp. „Schwarzes Brett“) und ein eigenes Diskussionsforum als Internetplattform (u.a. chat rooms, Software Mumble für Sprachkonferenzen, „Liquid Feedback“).

Fazit: Die Piratenpartei hat innovative Wege gefunden, junge Menschen zu acquirieren, sie in die Parteistrukturen flexibel und basisdemokratisch einzubinden, jugendgemäße Themen inter netbasiert und folkloristisch anzubieten. Das wirkt identitätsstiftend, macht Spaß und fördert das Gefühl „dazuzugehören“. Die Partizipation hat auch eine andere Seite: eine begrenzte Zahl sehr aktiver Mitglieder trägt die Kosten – in (Arbeits-) Zeit und Geld, die in der „freien“ Internetkommunikation gepflegte Sprache verlange eine hohe Frustrationstoleranz, in Wahlkämpfen sei der Spaßfaktor geringer, die Inkaufnahme von Freizeitverlust eine enorme Belastung. Damit bewahrheitet sich: auch die Piraten kochen nur mit Wasser!

Willi Eisele
Wolfratshausen

Lexikon fränkischer Ortsnamen

Wolf-Armin Frhr. von Reitzenstein, Lexikon fränkischer Ortsnamen – Herkunft und Bedeutung: Oberfranken, Mittelfranken, Unterfranken, München, C. H. Beck, 2009, Quellen- und Literaturverzeichnis, geb., 288 S., 9 Karten, 29,90 EURO ISBN 978-3-406-59131-0

Dr. Wolf-Armin Frhr. von Reitzenstein (*1940) ist Spezialist für Orts- und Flurnamenforschung im süddeutschen Raum. Mit dem vorliegenden Lexikon lässt er dem Ortsnamenlexikon der Regierungsbezirke Oberbayern, Niederbayern und der Oberpfalz (2006) ein kommentiertes „Lexikon fränkischer Ortsnamen“ (2009) folgen, das Herkunft und Bedeutung von Ortsnamen in Ober-, Mittel- und Unterfranken auf der Grundlage des amtlichen Ortsverzeichnisses von 1991 erfasst. Der Autor erwähnt auch einzelne spätere politische Setzungen – wie Zusätzen zum traditionellen Ortsnamen („Bad“) und nimmt auch die Wiedergewinnung der kommunalen Eigenständigkeit auf (Bsp. Ermershausen, 1994). Der Nutzer des Ortsnamen-Lexikons wird alphabetisch von der Stadt Abenberg im Landkreis Roth bis zur Stadt Zirndorf im Landkreis Fürth geführt. Jeder Ortsname wird nach Datierung mit Quellenbeleg chronologisch eingeordnet, Besonderheiten der Schreibung nach Datum, historischer Fassung und moderner Schreibweise nach modernen Editionskategorien belegt, nach der räumlichen Lage verortet und die Ortsnamen mithilfe alt- und mittelhochdeutscher Wörterbücher und anhand von Literaturbelegen erklärt und die Fundstellen durch Fußnoten gesichert. Die Lesbarkeit der Einzelnennungen ist durch eine systematische Gliederung garantiert: Ortsname, Stadt, Markt, Pfarrdorf, Landkreis, Bezirk (1. Block), Ersterwähnung mit Jahreszahl, Erklärung nach Wortstamm, Prä – und Suffixen (Block 2), Fundstellen (Archiv, Literatur; Block 3).

Den lexikalischen Einträgen (S. 19 – 253) folgen ein Verzeichnis der Quelleneditionen und der Fachliteratur (S. 254 – 278) , die Angabe der benutzten Archive und Bibliotheken sowie 1 Übersichts- und 8 Detailkarten zur Orientierung für die eigenständige Forschung, die gerade in den W-Seminaren der gymnasialen Oberstufe durch unsere Fachkollegen für Seminararbeiten und Referat angeregt werden kann. Nachdem mit dem vorliegenden Band 6 von 7 bayerischen Bezirken erfasst sind, darf der Heimat- und Regionalforscher mit dem Band für den Regierungsbezirk Schwaben rechnen, um ein Lebenswerk zu vollenden, das bis zu 40 000 Ortsnamen erfassen könnte. Der Autor geht damit dem landesgeschichtlich interessierten Kollegen sehr gezielt zur Hand, der hier für die eigene Forschung oder die Anleitung von Kurs- und Seminarteilnehmern eine hochwillkommene Systematik vorfindet. Den beiden vorliegenden Bän den ist bereits heute zu wünschen, dass sie in über Instituts- und Gymnasialbibliotheken hinaus einer fachlich motivierten Leserschaft zugänglich gemacht werden – sie sollten in keiner öffentlichen Bibliothek fehlen.

Willi Eisele, OStD
82515 Wolfratshausen