Lehrergesundheit zuerst
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Lehrergesundheit ist kein Luxus, sondern Grundvoraussetzung für guten Unterricht und ein funktionierendes System Schule. Gesunde Kolleginnen und Kollegen unterrichten besser, bleiben dem System länger erhalten, sind kreativer, innovativer und wirksamer - eine klassische Win-win-Situation: für die Lehrkräfte, die Schülerinnen und Schüler und die Gesellschaft.
Belastungen reduzieren
Die hohe Professionalität unseres Berufsstandes führt oft dazu, dass wir viel kompensieren — still, flexibel, engagiert. Die damit einhergehende Belastung mag kurzfristig funktionieren, langfristig ist sie gefährlich. Belastungsmomente müssen erkannt, ernst genommen und abgestellt werden. Das betrifft in verschiedenen Aspekten alle Ebenen, die Politik, das Ministerium, die Schulaufsicht, Schulleitungen, aber auch Fachschaften und jede einzelne Lehrkraft.
Mehrarbeit entsteht vielfältig und oft kumulativ: Aufsichten, Konferenzen, Klassenleitungsaufgaben, Eltern- und Beratungsgespräche, Absprachen in der Schulentwicklung, Prüfungsorganisation, digitale Kommunikation und vieles mehr, das nicht nach den Mehrarbeitsrichtlinien erfasst und abgerechnet wird. Hier braucht es faire, verbindliche Ausgleichsmechanismen — transparent, verlässlich, nachvollziehbar. »Ehrenamtliche« Systemstützen auf dem Rücken der Lehrkräfte sind keine Lösung; Sie sind ein Risiko für die Gesundheit und letztlich auch für die Bildungsqualität.
Das On-top-Problem
Die letzten Jahre haben einige sinnvolle Weiterentwicklungen am Gymnasium hervorgebracht — aber zu oft ohne Ausgleich von damit einhergehenden Zusatzbelastungen. Unsere Forderung lautet deshalb: Jede zusätzliche Aufgabe muss durch eine klar definierte, gleichwertige Entlastung kompensiert werden! Sorgfältige und konsequente De-Implementierung — nach Motto »Ist das Schule oder kann das weg?« — und beherzte Entbürokratisierung, beides gerät in den Fokus und wird zunehmend umgesetzt, nicht zuletzt, weil der bpv das nachdrücklich thematisiert und gefordert hat. Schule wird nicht besser, indem man Schichten übereinanderlegt. Sie wird tragfähig, wenn Prozesse vereinfacht, Doppelstrukturen abgebaut, Berichts- und Dokumentationspflichten reduziert und Prioritäten verbindlich geklärt werden.
Verantwortung beginnt mit der Fürsorgepflicht
Die Fürsorgepflicht des Dienstherrn umfasst auch eine gesundheitsgerechte Gestaltung des Arbeitsplatzes: ergonomische Ausstattung, Lärmschutz, sinnvolle Arbeitsmittel, sichere IT, funktionierende Software — und reale Erholungsfenster im Schulalltag. Dass Kolleginnen und Kollegen in Pausen und Freistunden kaum zu echter Erholung kommen, ist kein Befindlichkeitsdetail, sondern ein strukturelles Problem: Es braucht geeignete Ruhezonen in der Schule und eine Kultur, die Pause als Zeit zur Regeneration respektiert.
Arbeitshygiene ist auch zu Hause relevant. Eine inzwischen vermehrt erwartete ständige Erreichbarkeit, die fließenden Grenzen zwischen Beruflichem und Privatem, bedeuten permanenten Stress. Erreichbarkeitszeiten können ohne merkliche Qualitätseinbußen erheblich reduziert werden.
Prävention und Beratung stärken
Nachhaltige Gesundheitskonzepte und praxistaugliche Unterstützungsangebote fördern gesunde Arbeitsbedingungen. Hierbei ist das Arbeitsmedizinische Institut für Schule (AMIS), für dessen Einrichtung sich der bpv erfolgreich mit langem Atem eingesetzt hat, ein wertvolles Instrument. Im Vordergrund der Hilfestellungen durch das AMIS steht die Beurteilung von Arbeitsbedingungen mit dem Ziel, Gesundheitsgefährdungen zu reduzieren. Die Analyse der Ursachen und Abhilfemöglichkeiten für psychische Belastungen, zum Beispiel durch Zeitdruck und problematisches Arbeitsklima, oder für Belastungen durch Lärm, sind zwei der Arbeitsfelder. Solche Angebote sollten flächendeckend verfügbar, personell gut ausgestattet und in der Schulpraxis genutzt werden. Ergänzend sind Schulberatungsstellen und die entsprechende Qualifizierung von Führungskräften zu stärken.
Entscheidend ist, dass Prävention nicht als optionales Zusatzangebot verstanden wird, sondern als integraler Bestandteil professioneller Schulentwicklung: frühzeitig, niedrigschwellig, vertraulich und orientiert an dem realen Bedarf der Kollegien.
Pädagogische Freiheit als Grundlage für Qualität und Gesundheit
Ein zentraler Baustein gesunder Arbeitsbedingungen ist die Möglichkeit, pädagogisch frei und authentisch arbeiten zu können. Lehrkräfte benötigen Raum, ihre fachlichen und didaktischen Entscheidungen selbstverantwortlich zu treffen, ohne durch überbordende Kontrolle, Misstrauensstrukturen oder Detailvorgaben ausgebremst zu werden. Professionelle Autonomie ist ein entscheidender Faktor für erfolgreichen Unterricht. Forschung und Erfahrung zeigen gleichermaßen: Wer authentisch unterrichten darf, erzielt nachweislich bessere Lernergebnisse — und bleibt langfristig gesünder. Anerkennung, Vertrauen und gutes Betriebsklima schützen nicht nur die Gesundheit der Lehrkräfte, sondern verbessern auch die Qualität des Lernens.
Fehlentscheidungen vermeiden
Immer wieder zeigen sich in der Praxis die Folgen politischer und administrativer Entscheidungen, die ohne ausreichende Rückkopplung mit den Schulen getroffen wurden: zusätzliche Belastungen, unnötiger Aufwand und weitere negative Konsequenzen, die sich direkt auf die Lehrkräfte und damit auf die Bildungsqualität auswirken. Um solche Fehlentwicklungen zu vermeiden, braucht es eine frühzeitige und echte Beteiligung der Lehrkräfte und ihrer Personalvertretungen. Wer zuhört, Rückmeldungen ernst nimmt und bereit ist, Entscheidungen bei Bedarf zu korrigieren, erhöht nicht nur die Qualität der Maßnahmen, sondern verhindert auch strukturelle Fehlsteuerungen. Beteiligung spart Ressourcen, stärkt die Praxistauglichkeit und ist ein wirksamer Beitrag zum Schutz der Gesundheit der Lehrkräfte. Kurz gesagt: Wo Beteiligung funktioniert, profitieren Arbeitsbedingungen, Unterrichtsqualität und das gesamte System.
Teilzeit als Schutzfaktor für Gesundheit und Arbeitsfähigkeit
Teilzeitmöglichkeiten sind für viele Gymnasiallehrkräfte kein Randthema, sondern zeitweise eine unverzichtbare Voraussetzung, um berufliche und private Belastungen verantwortungsvoll bewältigen zu können — sei es aufgrund von familiären Verpflichtungen, wie Kinderbetreuung und der Pflege von Angehörigen oder eigenen Belastungssituationen.
Teilzeitmöglichkeiten verhindern Überlastung, reduzieren das Risiko schwerer gesundheitlicher Folgen wie Burnout oder gar den Verlust der Dienstfähigkeit. Deshalb müssen Teilzeitoptionen erhalten und bestehende Beschränkungen zurückgenommen werden.
Strukturell entlasten
Zusätzliche Verwaltungsangestellte und pädagogische Unterstützungskräfte, professionelle IT-Betreuung und ausreichende Vertretungsreserven wären angesichts der seit Jahren steigenden Herausforderungen der Gymnasiallehrkräfte dringend erforderliche Investitionen in die Lehrergesundheit und die Bildungsqualität. Jede vermiedene Überlastungssituation zahlt sich mehrfach aus — in weniger Ausfällen, motivierteren Lehrkräften und messbar besseren Ergebnissen.
Was wir konkret fordern - und weiter voranbringen:
- Belastungen erkennen und reduzieren: Stellschrauben auf allen Ebenen drehen.
- De-Implementierung und Entbürokratisierung: Echt, verbindlich, messbar. Für jedes neue Projekt muss ein altes entfallen.
- Förderliche Arbeitsbedingungen: Ruhezeiten (auch digital), Pausenräume, gesundes Arbeitsumfeld ermöglichen.
- Ausbau von Prävention und Beratung: AMIS und Schulberatung stärken.
- Pädagogische Freiheit: eine Kultur der Anerkennung, Vertrauen vor Kontrolle, Zusammenarbeit statt Druck.
- Einbindung in Entscheidungsprozesse: Personalvertretungen frühzeitig beteiligen.
- Teilzeitmöglichkeiten: in vielen Situationen unverzichtbar.
- Strukturelle Entlastung: Mehr Unterstützungspersonal, stabile Vertretungsreserven schaffen.
Aufklärung statt Stammtisch
Es zeugt von Ignoranz, wenn noch immer manche Stimmen behaupten, Gymnasiallehrkräfte hätten einen bequemen »Halbtagsjob«, man könne ihnen beliebig Zusatzpakete aufbürden. Solche Stereotype sind weltfremd und richten Schaden an. Der bpv klärt entschieden und fundiert auf: über reale Arbeitsbelastungen, die dokumentierten Auswirkungen auf Gesundheit und Good Practice, die trägt. Wir stellen Fakten vor Polemik — im Interesse aller Beteiligten.
Gemeinsam weiter
Am Ende geht es um mehr als um den individuellen Ausfalltag, das einzelne Wochenende ohne Erholung oder Krankheitsfälle. Es geht um die Leistungsfähigkeit eines ganzen Bildungsbereichs und um die Glaubwürdigkeit eines Staates, der Bildung als Priorität bezeichnet. Wer Lehrergesundheit stärkt, investiert in die Zukunft.
Es tut sich einiges: die Entbürokratisierungsoffensive, wachsende Sensibilität für De-Implementierung, der Ausbau von AMIS-Angeboten. Das ist gut. Aber wir sind noch nicht am Ziel. Wir werden dranbleiben: mit klaren Forderungen, mit konstruktiven Vorschlägen und mit dem Nachdruck, den es braucht, um Systeme nachhaltig und positiv weiterzuentwickeln.
Julian Lohr, Hauptpersonalrat