Das Recht auf Fake News? Oder doch ein Plädoyer für mehr Redlichkeit?
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Wir leben in bewölkten Zeiten. Das wussten Sie nicht? Vielleicht haben Sie sich nur daran gewöhnt. Gemeint sind Datenwolken und Informationsblasen. Denn die Digitalisierung führt auch zu einem Klimawandel der ganz anderen Art: in der Kommunikation, in der Wahrnehmung durch Politik und Gesellschaft, in der Anerkennung der Leistung, die Schulen erbringen. Ein Treiber dieses Klimawandels sind dabei "Fake News" über das Gymnasium, über seine Lehrkräfte, über seine Modernität.
Um es vorweg zu sagen: Es geht nicht nur um das Gymnasium. Der Klimawandel betrifft alle Schularten unseres dankenswerterweise vielgliedrigen Schulwesens. Und damit betrifft er auch die Lehrkräfte an allen Schularten.
Sind also doch alle gleich? Nein: Das sind sie nicht. Neben unterschiedlichen Ziellinien (Übertritt, mittlerer Bildungsabschluss, Studierfähigkeit usw.), unterschiedlichen Zielgruppen und Organisationsformen (Klassenlehrerprinzip, Fachlehrerprinzip) gibt es viele weitere Spezifika. Es gehört zur Redlichkeit, dies anzuerkennen.
Lehrer ist eben nicht gleich Lehrer, um bei einem häufigen Mythos (aka Fake News) anzusetzen. Um unseren Schülerinnen und Schülern die auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Angebote machen zu können, sie bestmöglich fördern zu können, brauchen wir ein differenziertes Schulsystem, eine schulartspezifische Lehrerbildung und Didaktik. Auch deswegen ist die durchschnittliche Klassenstärke in Grund- und Mittelschulen niedriger als die an Gymnasien. Auch deswegen unterscheidet sich die Unterrichtspflichtzeit nach Schularten und ist im akademisch anspruchsvollsten Gymnasium etwas weniger hoch - denn Vorbereitungs-, Nachbereitungs- und Korrekturaufwand sind hier besonders hoch und die Wochenarbeitszeit höher als in allen anderen Schularten. Wer Jugendliche zur Studierfähigkeit führen will, muss selbst die Fachlichkeit mitbringen, ohne den Pädagogen zu vergessen. Genau das macht das Berufsbild des Gymnasiallehrers so anspruchsvoll.
Alle Schularten teilen aber Herausforderungen, die Politik und Gesellschaft an Lehrkräfte und Schulverwaltungen stellen — und das nicht selten auf Basis von Annahmen, die eben aus der Welt der Fake News kommen.
Weitere Fake News im Umlauf? Gymnasium ist das, was man in seiner Schulzeit wahrgenommen hat oder was in der eigenen Blase kolportiert wird: Lehrer haben nachmittags frei. Unterricht ist frontal, altbacken und rückwärtsgewandt. Schülerinnen und Schüler werden in eine Form gepresst, um besser geprüft und bewertet werden zu können. Für die Lehrkräfte ist die Welt jedoch in Ordnung, denn in ihrem Elfenbeinturm der Fachlichkeit sind sie sicher vor neuen Entwicklungen, gesellschaftlichen Herausforderungen und vor allem vor modernen Medien im Unterricht. Und eine Unterrichtsstunde mehr pro Woche sind ja noch nicht mal 60 Minuten - wer wollte da jammern.
Es sind diese Aluhüte der Bildungspolitik, die dem Ansehen des Gymnasiums und seiner Lehrkräfte schaden. Verstärkt werden sie durch den Resonanzraum, die Filterblase, in der sie sich mit ihrer Wahrnehmung befinden. Und wie in jeder anderen Blase verschärfen sich Tonlage und Wortwahl. Ein “Faktencheck”, sei es zum Zeitpunkt des Übertritts, zur Auswirkung von unangekündigten Leistungsnachweisen oder zur Aktualität des Curriculums hinsichtlich der Finanzbildung oder der "Alltagskompetenzen", schüler- und teamorientierter Unterrichtsformen der Projektarbeit oder der digitalen Transformation an Schulen - findet viel zu selten statt. So verschärft sich der “information bias” und das Klima und die Kommunikation verschlechtern sich weiter.
Was wir wirklich brauchen
Redlich wäre es, darauf hinzuweisen, was die Gymnasien in den letzten Jahren geschafft haben - und das bei zum Teil mediokren Rahmenbedingungen - man denke nur an die Anbindung von Schulen an leistungsstarkes Internet und die Ausstattung mit digitaler Technik während der Corona-Pandemie. Zu den Leistungen gehören genauso die Integration von Geflüchteten, der Umgang mit einer deutlich heterogeneren Schülerschaft, die Bewältigung von Zusatzaufgaben ohne Zeitkontingente, die digitale Transformation, die unterstützen und entlasten soll, aber zunächst holpert und bei der Implementierung enorme Herausforderungen stellt (man denke an die Einführung der ASV). Die Übertragung gesellschaftlicher Aufgaben wie Demokratiebildung oder der Schutz vor sexualisierter Gewalt, die wichtig sind, aber viel Energie binden, kommt hinzu: Über die Schule erreicht man eben auch die Familien.
Es darf nicht vergessen werden, dass auch der Aufwuchs des G9 eine Herausforderung war - und das insbesondere vor dem Hintergrund des wachsenden Lehrkräftemangels am Gymnasium. Im Schuljahr 2025/26 haben Kollegien in ganz Bayern bewiesen, dass sie viel mehr als “eine Stunde” mehr Unterricht halten. Freiwillige Teilzeitaufstockungen haben erheblich zur Deckung der Personallücke beigetragen, die Vergrößerung der Klassen und Kürzung mancher zusätzlichen Angebote an den Schulen hat zu einer höheren Arbeitsbelastung je Unterrichtsstunde für alle geführt - bei andauernden Anstrengungen für die digitale Transformation und ohne die Schulentwicklung zu vernachlässigen. Dieser beispiellose Kraftakt kann nicht oft genug hervorgehoben werden.
Lassen Sie uns aufräumen mit Fake News:
- Wir brauchen keine Hinweise auf “Lifestyle”-Teilzeit. Wir fordern die Anerkennung unserer faktischen Arbeitszeit - mit jeder Stunde Mehrarbeit, sei diese im Klassenzimmer, in Sitzungen oder im Schullandheim.
- Wir brauchen kein Schlechtreden des positiven, gymnasialen Leistungsgedankens. Wir fordern ein zeitgemäßes Prüfungswesen, das neben der Art auch die Zahl der Leistungsnachweise in den Blick nimmt, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren. Ein erster Schritt kann sein, standardisierte Tests von der KI korrigieren zu lassen, statt selbst KI-generierte Aufsätze und Referate zu bewerten - und so Zeit für das wichtige Feedback zu den Leistungen unserer Schüler zu gewinnen.
- Wir brauchen keine Vorwürfe, einer verstaubten Pädagogik anzuhängen. Wir fordern für zusätzliche Aufgaben zusätzliche Zeitkontingente und eine evidenzbasierte Schulentwicklung ganz im Sinne der De-Implementierung.
Was wir wirklich brauchen? Die Anerkennung der geleisteten Arbeit, selbstverständlich durch Aufstiegsmöglichkeiten, also Beförderungen, und damit eine signifikante Anzahl von Stellenhebungen im Staatshaushalt. Und ein Ende des Schlechtredens einer Schulart und ihrer Lehrkräfte, die in einem sich stetig wandelnden Gymnasium Schülerinnen und Schülern den bestmöglichen Start in Studium und Ausbildung ermöglichen.