Tag der Handschrift am 23. Januar: "Schreiben mit der Hand ist ein Feuerwerk im Gehirn"
Lehrkräfte an weiterführenden Schulen beklagen zunehmend die Unleserlichkeit von Handschriften und das Desinteresse an Rechtschreibung bei Schülerinnen und Schülern. Der bpv fordert daher auch im Zeitalter der Digitalisierung, einen klaren Fokus auf das Erlernen und Trainieren der Handschrift und das korrekte Schreiben zu legen. Anlässlich des Tages der Handschrift hat sich der bpv-Vorsitzende Michael Schwägerl mit Stephanie Ingrid Müller, Erziehungswissenschaftlerin, ehem. Lehrkraft und Expertin für Schreibfertigkeit, über die Rolle der Handschrift in Zeiten zunehmender Digitalisierung unterhalten:
Schwägerl: Handschrift gilt vielen als überholt. Warum messen Sie dem Schreiben mit der Hand weiterhin so große Bedeutung bei?
Müller: Weil Schreiben mit der Hand weit mehr ist als eine Technik von vielen. Es ist eine hochkomplexe Entwicklungsleistung. Unsere Hand verfügt über eine extrem feine Motorik – vergleichbar nur mit dem Sprechapparat. Diese Feinmotorik ist etwas zutiefst Menschliches und spielt eine zentrale Rolle für unsere gesamte geistige Entwicklung.
Schwägerl: Oft hört man den Satz „Handarbeit ist Kopfarbeit“. Ist das mehr als ein geflügeltes Wort?
Müller: Absolut. Handschriftliches Schreiben fördert das tiefere Verstehen, die Merkfähigkeit und strukturiertes Denken. Besonders wichtig ist das verbundene Schreiben, weil unsere gesprochene Sprache in Silben organisiert ist. Beim Schreiben ganzer Silben koppelt das Gehirn motorische Abläufe direkt an sprachliche Prozesse.
Schwägerl: Was bedeutet es für das Lernen, wenn Kinder nicht flüssig schreiben können?
Müller: Dann bindet das Gehirn einen Großteil seiner Ressourcen an die motorische Steuerung der Hand. Für das Denken – also Rechnen, Rechtschreibung, Grammatik oder Problemlösen – bleibt weniger Kapazität. Wer flüssig schreibt, hat den Kopf frei fürs Lernen. Deshalb gilt: Schreiberfolg ist Lernerfolg.
Schwägerl: Warum ist Tippen auf der Tastatur gerade für jüngere Kinder problematisch?
Müller: Tippen erfordert kaum differenzierte Bewegungen. Buchstaben entstehen durch minimale motorische Unterschiede, eher im Bereich von Ellbogen und Schulter. Das gilt auch für das Schreiben von Druckschrift. Beim verbundenen Schreiben mit der Hand hingegen sind Buchstaben komplexe, eindeutig unterscheidbare Bewegungsabläufe mit variierendem Druck, Tempo und Rhythmus. Das fördert deutlich mehr neuronale Vernetzung im Gehirn. Schreiben mit der Hand ist quasi ein Feuerwerk im Gehirn.
Schwägerl: Wird die zunehmende Digitalisierung das Schreiben ersetzen?
Müller: Nein – und das sollte es auch nicht. Digitalisierung gehört zu unserem Alltag, aber es geht nicht um ein Entweder‑Oder. Wir brauchen beides: digitale Werkzeuge und die Handschrift. Schreiben mit der Hand ist fundamental für unsere Denkentwicklung und unser kreatives Potenzial.
Schwägerl: Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch, Frau Müller.
Stephanie Ingrid Müller ist Erziehungswissenschaftlerin und ehem. Lehrkraft mit über 25 Jahren Expertise in den Bereichen Schreibfertigkeit, Lern- und Gehirnentwicklung sowie der Digitalisierung des Schreibens. Zudem leitet sie das Mediastep-Institut für Schreib-Didaktik, Kunst- und Medienpädagogik mit fachpädagogischem Dienst in Erlangen. Ihre Arbeit verbindet interdisziplinär pädagogische, neurophysiologische und entwicklungswissenschaftliche Perspektiven mit langjähriger Praxis in Schule, Kita, Therapie und Lehrerbildung.