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Unterwegs zu einer Prüfungskultur der Zukunft

Leitartikel von Wolfram Janke, stellv. bpv-Vorsitzender und Referent für Bildungs- und Schulpolitik

Mediale Aufmerksamkeit erreichte die Praxis von Leistungserhebungen an bayerischen Schulen im vergangenen Schuljahr durch eine von einer 17-jährigen Schülerin initiierte Petition an den Bayerischen Landtag, die sich die Abschaffung unangekündigter Rechenschaftsablagen und Extemporalien zum Ziel gesetzt hatte. Unangekündigte Leistungsnachweise im Schulalltag wurden als unfair und belastend bezeichnet und seien nicht mehr zeitgemäß. 

Anfang Juli lehnte der Bildungsausschuss des Landtags die Petition ab - völlig zu Recht. Die Begründung der Ablehnung drückt in bemerkenswerter Klarheit Vertrauen in die Lehrkräfte und deren pädagogische Kompetenz aus. Lediglich die Abschaffung einzelner - und noch dazu bewährter - Mittel zu fordern, greift zu kurz. Es bedarf einer erheblich breiter angelegten Diskussion zur Weiterentwicklung von Leistungserhebungen und Prüfungskultur an unseren Schulen. Diese Diskussion ist seit Jahren jenseits der verengten Perspektive der Petition längst im Gange. Zeitgemäße Prüfungsformen zu entwickeln, ist für die Schulen eine unabdingbare Notwendigkeit. Zum einen ist die Schülerschaft heute nicht zuletzt durch Zuwanderung und den Umgang der Kinder und Jugendlichen mit neuen Medien eine andere als früher. Dies kann und darf Schule nicht ignorieren. Zum anderen muss Schule aber auch in ihrer Prüfungskultur den Anforderungen, die an Schülerinnen und Schüler heute zu stellen sind, gerecht werden. Dabei kommt es auch darauf an, den Leistungswillen und die Leistungsfähigkeit der nachwachsenden Generation zu fördern und aufrechtzuerhalten. Prüfung und Leistung gehören untrennbar zusammen. Wer dies nicht im Blick hat, gefährdet Wohlstand und Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Deshalb muss Prüfungskultur immer auch Leistungskultur sein. 

Prüfungsformate mit Entlastung in Einklang bringen 

Für eine gelingende Schule ist es aber auch notwendig, nicht nur auf die Schülerinnen und Schüler zu schauen, sondern auch auf die Lehrkräfte. In Zeiten erheblich gewachsener Aufgaben und Anforderungen und des Lehrermangels, der an den Gymnasien ab diesem Schuljahr die Abdeckung des Pflichtunterrichts zur Herausforderung werden lässt, die nur durch eine gemeinsame Kraftanstrengung bewältigt wird, haben die Lehrkräfte ein berechtigtes Interesse an Entlastung. Dies ist in Politik und Kultusministerium längst angekommen. Entsprechende Vorhaben werden in einer “Entlastungstracker” genannten Übersicht auf der Website des Ministeriums gesammelt und in der Schulentwicklung gewinnt das Konzept der De-Implementierung zunehmend an Bedeutung. Selbstverständlich darf der Gedanke der Entlastung folglich auch bei der Weiterentwicklung der Leistungserhebungen nicht Halt machen. Nicht nur Deutschlehrkräfte fühlen sich durch die Erstellung und Korrektur von Prüfungen besonders und angesichts in Zukunft wohl auch wachsender Klassenstärken zunehmend belastet. Dabei lohnen der enorme Einsatz und Aufwand hier oft wenig. John Hatties Meta-Analysen zur Bildungsforschung zeigen, dass traditionelles Testen und Prüfen lediglich eine Effektstärke von 0,30 erreicht, Feedback zum Vergleich hingegen eine Effektstärke von 1,13 - womit es zu den wirksamsten Bildungsinterventionen überhaupt zählt. Eine Prüfungskultur der Zukunft muss neben dem Fokus auf das Produkt gleichzeitig im Rahmen einer verstärkten Prozessorientierung auch den Weg, auf dem Schülerinnen und Schüler zu diesem gelangen, stärker in den Blick nehmen. Gerade eine gymnasial ausgerichtete Prüfungskultur setzt Elemente von Anstrengungs- und Leistungsbereitschaft voraus, die kein Selbstzweck sind, sondern einerseits zur Persönlichkeitsbildung und Wertorientierung beitragen und andererseits die prozessorientierte Leistungsbewertung erleichtern. Und nicht zuletzt stärkt die Feedbackkultur vielfältiger Prüfungsformate umgekehrt wiederum Anstrengungs- und Leistungsbereitschaft. 

Nach Fächern und Jahrgangsstufen differenzieren 

Die Weiterentwicklung von Leistungserhebungen und Prüfungskultur muss auch die durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz hervorgerufene Entwicklung berücksichtigen. Auch hier hat sich Bayern längst auf den Weg gemacht. Ende des Schuljahres 2023/24 endete nach drei Jahren Laufzeit der Schulversuch “Prüfungskultur innovativ”, der eine Erweiterung des Spektrums an Leistungsnachweisen um digitale Aufgabenformate unter Einbezug kooperativer und kreativer Herangehensweisen in den Blick nahm und dabei sowohl digitale Lernprodukte als auch deren Entstehungsprozess einer Bewertung unterzog. Vergangenes Jahr begann der Schulversuch "proof - Prozessorganisation und Feedback in der Leistungsfeststellung". Dieser zielt darauf ab, die Potenziale von KI-gestützten Anwendungen in der Leistungsfeststellung an bayerischen Schulen zu erproben und für Rückmeldungen und eine Verringerung der Korrekturbelastung der Lehrkräfte zu nutzen. Die Ergebnisse der Schulversuche werden allen Schulen wichtige Impulse bieten. 

Jedoch zu glauben, dass mithilfe des Potenzials von Digitalisierung und KI allen Herausforderungen im Hinblick auf die Zukunft schulischer Prüfungskultur begegnet werden kann, wäre - genauso wie die Intention der Schüler-Petition - zu kurz gesprungen. Für deren Weiterentwicklung spielen noch eine ganze Reihe weiterer Aspekte eine gewichtige Rolle - mit denen sich unter anderem der Bildungsbeirat, das bpv-Expertengremium für Fragen der Fächer, intensiv befasst hat (mehr zur Arbeit des Gremiums auf den Seiten 28/29 der GiB-Ausgabe 05_2025). Insbesondere am Gymnasium mit der hier zentralen Bedeutung der Fachlichkeit müssen die jeweils spezifischen Bedingungen von Unterricht und Lernen in den einzelnen Fächern ebenso Berücksichtigung finden wie die altersmäßige Entwicklung der Schülerinnen und Schüler. Entsprechend erfolgt der Weg zur Prüfungskultur der Zukunft differenziert nach Fächern und Jahrgangsstufen. Und: Bewährtes wie die Systematik großer und kleiner bzw. schriftlicher, mündlicher und praktischer Leistungsnachweise muss grundsätzlich fortgeschrieben werden. Neue Prüfungsformate ergänzen dann das Portfolio, wo dies nötig erscheint, und führen gegebenenfalls zu einer Öffnung der bestehenden Systematik. 

Lehrkräfte und Schulen brauchen Freiheit bei der Gestaltung von Leistungserhebungen; sie besitzen die Expertise, passend für ihre Schülerinnen und Schüler innerhalb eines Rahmens Freiräume zu füllen. Damit neue Prüfungsformate an den Schulen in der Fläche nachhaltig eingeführt werden können, braucht es schließlich Rechtssicherheit - etwa in Form eines möglichst breiten Katalogs in Anlehnung an die MODUS-Maßnahmen als Anhang der Schulordnung. Nachdem die Schülerschaft zunehmend heterogen ist, bietet eine Vielzahl unterschiedlicher Prüfungsformate Angebote für möglichst viele Schülerinnen und Schüler und schafft so Bildungsgerechtigkeit. Diese Forderung ist sicherlich nicht so plakativ wie die, Exen abzuschaffen, wird aber der heutigen Situation bestimmt eher gerecht. In diesem Sinne gilt es, die gemeinsame Weiterentwicklung der Prüfungskultur zu gestalten und so zu einem stimmigen Gesamtkonzept zu gelangen.

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