Welttag der Lehrerin und des Lehrers am 5. Oktober: Selbstorganisiertes Lernen ja, doch die Lehrkraft bleibt zentral!
Vor dem Hintergrund sinkender PISA-Ergebnisse und Diskussionen über moderne Lernmethoden sowie Bildungsgerechtigkeit in Bayern lohnt sich ein Blick auf die Evidenz. Die aktuelle Synthese der Education Endowment Foundation (EEF)1, die eine Vielzahl an Studien kombiniert, weist deutlich darauf hin, dass die Lehrkraft eine zentrale Rolle dabei spielt, die beim sogenannten „selbstorganisierten Lernen“ (SOL) nötigen metakognitiven Fähigkeiten explizit zu vermitteln. Gerade sozioökonomisch benachteiligte Schüler benötigen hier mehr direkte Anleitung. Bereits 2006 konstatierten Kirschner, Sweller und Clark2, dass vor allem „Novizen“, also Anfänger auf einem Themengebiet, von stärkerer Instruktion profitieren – ihnen fehlt das notwendige Vorwissen, Lernprozesse effektiv selbst zu gestalten und zu organisieren.
Michael Schwägerl, Vorsitzender des bpv, ordnet ein: „Unsere Lehrkräfte sind hervorragend ausgebildete Pädagogen, die genau im Blick haben, was ihre Schülerinnen und Schüler benötigen. ‚Selbstorganisiertes Lernen‘ mit Lehrkräften als Coaches darf nicht so missverstanden werden, dass der Rückzug der Lehrkraft zu mehr Lernerfolg führt. Die zentrale Rolle der Lehrkraft ist mehrfach empirisch belegt und jedem klar, der schon einmal an Unterricht teilgenommen oder ihn durchgeführt hat. Dafür sagen wir am Welttag allen Lehrkräften danke!“
Anfang der Woche gewann die Hans-Leipelt-Schule Donauwörth, eine Berufliche Oberschule mit Schülerinnen und Schülern in den Jahrgangsstufen 11 bis 13, den deutschen Schulpreis – der bpv gratuliert hierzu herzlich! Grund für die Auszeichnung war ein pädagogisches Konzept, das die Schülerinnen und Schüler selbstorganisiert lernen lässt. Es sieht unter anderem vor, dass die Lernenden mit differenzierten Materialien auf unterschiedlichen Niveaustufen arbeiten. Dabei werden sie von Lehrkräften als Coaches begleitet, sind aber keiner festen Klasse zugewiesen. Dieses Vorgehen kann – offensichtlich – funktionieren, muss aber gut vorbereitet und eingeübt sein.
Schwägerl erklärt: „Seinen eigenen Lernprozess zu planen, zu überwachen und zu reflektieren ist ein hochkomplexer Prozess, der zunächst angeleitet und unterstützt werden muss. Das kann vor allem bei älteren Schülerinnen und Schülern, die eine innere Motivation und vor allem genügend Vorwissen mitbringen, gut funktionieren. Es wäre jedoch falsch, daraus zu schließen, dass SOL das pädagogische Allheilmittel ist. Es ist Ziel von Bildung, die Autorschaft des eigenen Lebens – und damit auch Lernens – übernehmen zu können. Der Weg dorthin braucht pädagogisch-methodische Vielfalt und gerade zum Erwerb des Vorwissens ist direkte Instruktion, also ein lehrergesteuerter Unterricht, sehr erfolgreich.“
1 Vgl. Education Endowment Foundation (EEF) (2021): Metacognition and Self-Regulated Learning. Guidance Report, London.
2 Vgl. Kirschner, P. A./Sweller, J./Clark, R. E. (2006): Why Minimal Guidance During Instruction Does Not Work, in: Educational Psychologist 41 (2), S. 75–86, DOI: 10.1207/S15326985EP4102_1.