Mitgliederumfrage


Psychosoziale Probleme der Schüler endlich ernst nehmen

Der Bayerische Philologenverband hatte bereits zum Ende des vergangenen Schuljahres im Sommer 2021 seine Mitglieder befragt, wie sie vor dem Hintergrund der Pandemie die Lage an den Schulen einschätzen. Die Zahlen der aktuellen Umfrage, an der sich über 1.800 Lehrkräfte beteiligt haben, belegen nun, dass sich die Situation nicht zum Besseren gewendet, sondern weiter zugespitzt hat: In fast zwei von drei Antworten (63%) wird eine Verschlechterung der psychosozialen Situation von Schülern konstatiert.

Und das gilt auch in quantitativer Hinsicht: Waren im Juli vergangenen Jahres noch 15% der Lehrkräfte der Meinung, dass es in ihren Klassen niemanden gebe mit psychosozialem Unterstützungsbedarf, so sind es jetzt nur noch knapp 6% - ein Befund, der nur als deutlicher Ruf nach Hilfe interpretiert werden kann!

Schaut man auf die Lernrückstände, ist das Bild ähnlich: 73% der antwortenden Lehrkräfte schätzen sie weiterhin als groß oder sehr groß ein – das Aufarbeiten der coronabedingten schulischen Defizite hat mithin noch immer nicht wirklich Fuß fassen können. Die tagesaktuelle Pandemiebekämpfung nimmt zudem die dafür nötige Zeit und Ruhe. Die relativ hohe Zustimmung zum Präsenzunterricht von über 73% - trotz aller Belastungen und Sorgen um den Gesundheitsschutz - verwundert deshalb nicht, würden doch alle anderen Formate wie Wechsel- oder Distanzunterricht die Situation in dieser Hinsicht weiter verschlechtern.

In den Umfrageergebnissen spiegeln sich sowohl die regional unterschiedlichen Pandemieverläufe als auch die schulischen Erfahrungen, wie rasch und gut Unterstützungs- und Schutzmaßnahmen umgesetzt werden konnten. Vielerorts wird die Stimmung an den Schulen noch als normal bis gut empfunden und die Lehrkräfte fühlen sich geschützt, allerdings bewerten 40% der Teilnehmer die Stimmung an ihrer Schule als schlecht oder sogar sehr schlecht. Insbesondere in den Direktoraten und Sekretariaten ist bei vielen die Belastungsgrenze erreicht oder bereits überschritten.

Fazit: Dieses Schuljahr ist zwar bislang ohne großen Lockdown, aber keineswegs normal verlaufen, und psychosoziale Beeinträchtigungen sind nicht einfach verschwunden, sondern machen sich im Gegenteil zunehmend bemerkbar. Neben der Aufarbeitung der pandemisch bedingten Lern- und Leistungsrückstände muss daher besonders auch das seelische und physische Befinden der Schülerschaft in den Fokus rücken. Schulen brauchen die Rückkehr zu einer echten Normalität, doch dazu benötigen sie Zeit, Personal und Geduld:

Mehr Zeit, um auf die individuellen Problemlagen und Rückstände eingehen zu können – insbesondere für die vorhandenen Beratungslehrkräfte und Schulpsychologen;
mehr Lehrkräfte, um Ausfälle kompensieren, große Lerngruppen teilen und individuelle Unterstützungsangebote anbieten zu können; und nicht zuletzt Geduld, bis die Regenerationsprozesse gegriffen haben und Entwicklungs- und Lernprozesse fortgesetzt werden können.

Die Ergebnisse zur Mitgliederumfrage wurden am 9. Februar auf einer Pressekonferenz vorgestellt. Neben dem bpv-Vorsitzenden Michael Schwägerl ordneten Schulpsychologin Regina Knape und Beratungslehrer Michael Lilla die Ergebnisse ein.

Auch in der aktuellen GiB-Ausgabe äußert sich Schulpsychologin Regina Knape in einem Interview zur Mitgliederumfrage. Hier der Auszug:

https://www.linkedin.com/pulse/die-pandemie-ist-auch-eine-psychosoziale-/?published=t

 

Mitglieder des bpv finden eine Zusammenschau der Umfrageergebnisse im Mitgliederbereich dieser Homepage zum Nachlesen.