BILDUNG - MEHR ALS KOMPETENZEN

Das Gymnasium von neun Jahren her denken und verantwortungsbewusst weiterentwickeln!

„Bildung – mehr als Kompetenzen“ – unter diesem Motto steht die diesjährige Hauptversammlung des Bayerischen Philologenverbands, zu der rund 200 Delegierte aus ganz Bayern vom 3. bis 5. Dezember nach Augsburg gekommen sind, um bildungs- und berufspolitische Fragen zu diskutieren. Der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbands Max Schmidt erklärt: „Unsere Gesellschaft steht vor enormen Veränderungen und Herausforderungen, die zu einem großen Teil durch demografische Veränderungen bestimmt sein werden. Die Position des Bayerischen Philologenverbands ist dabei klar: Wir brauchen ein von neun Jahren her gedachtes Gymnasium, in dem eine umfassende Förderung auf allen Gebieten möglich ist!“

Das Gymnasium – die Schulart für alle, die Aussicht haben, das Abitur zu erreichen

Schmidt erläutert: „Das Gymnasium muss als Schule der Bildung offen sein für alle, die für unsere Schulart geeignet sind. Angesichts der enormen Zuwanderung durch Flüchtlinge ist das von herausragender Bedeutung, denn ohne Bildung kann es keine Integration geben! Dafür braucht das Gymnasium Zeit für Vertiefung und Übung. Wer neu Deutsch lernen muss und zwei Fremdsprachen auf dem Weg zur Allgemeinen Hochschulreife beherrschen soll, kann das nicht im Schnellverfahren schaffen. Es gilt, allen Kindern und Jugendlichen, die aufgrund ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten Aussicht auf einen Schulabschluss mit Abitur haben, den Zugang zum Gymnasium zu ermöglichen, ihnen Unterstützung zu gewähren und ihnen entsprechende Zukunftsperspektiven in unserer Gesellschaft zu eröffnen. Das darf nicht an der Sprache scheitern und das Gymnasium darf nicht zu einer Schulart werden, die in erster Linie von Schülerinnen und Schülern ohne Migrationshintergrund besucht wird!“

Sprachbegleitung als zentrale Herausforderung

Die großen Probleme bei der Sprachbegleitung werden zukünftig das Gymnasium in allen Jahrgangsstufen erreichen. Diese Herausforderung betrifft nicht nur die jetzt Ankommenden, sondern besteht auch für die zweite und dritte Generation von Migranten und auch für die anderen Schülerinnen und Schüler. Schmidt macht deshalb konkrete Vorschläge: „Wir brauchen passgenaue Maßnahmen, die einen raschen Erwerb bildungssprachlicher Deutschkenntnisse ermöglichen. Unser Verband begrüßt daher Modellprojekte wie etwa die InGym-Klassen in den Ballungsräumen Nürnberg und München. In diesen Klassen erhalten die Schüler 20 Stunden Sprachunterricht pro Woche. Modelle wie dieses oder das Projekt ‚sensible Sprachbegleitung‘ sind flächendeckend auszuweiten. Daneben muss auch über Modelle einer Eins-zu-Eins-Beschulung und über Patenschaften nachgedacht werden. Um einen Pool an qualifizierten Fachpersonal zu schaffen, ist es unbedingt notwendig, Lehrkräfte für Deutsch als Zweitsprache bzw. Fremdsprache nachzuqualifizieren. Viele Wartelistenbewerber kommen dafür in Frage. Sie sind engagiert und motiviert, sollten aber anstelle der derzeit noch vielfach angebotenen prekären Arbeitsverhältnisse Perspektiven auf eine dauerhafte Beschäftigung zu fairen Bedingungen im Schuldienst erhalten. Eine Schlüsselstellung bei der Integration kommt insbesondere auch den Beruflichen Oberschulen zu – auch sie brauchen unbedingt mehr Personal!

Das Gymnasium von neun Jahren her denken

Bildung braucht Zeit – nicht nur wegen der durch die Sprachförderung bestehenden Herausforderungen. Hierzu der Vorsitzende weiter: „Durch das Wahlverhalten von Eltern und Schülern an den 47 Pilotschulen der Mittelstufe PLUS, die wir konstruktiv-kritisch begleiten und wo sich im Schnitt 60 Prozent für einen neunjährigen Bildungsweg entschieden haben, fühlen wir uns in unserer Forderung bestätigt. Wenn die Mehrheit das Abitur in neun Jahren anstrebt, muss dies der Maßstab sein! Ein von neun Jahren her gedachtes Gymnasium ist zudem erheblich einfacher zu organisieren. Für diejenigen, die es in acht Jahren durchlaufen wollen, lassen sich dann entsprechende Wege finden. Dazu müssen die Lehrpläne von neun Jahren ausgehen und der Mittlere Bildungsabschluss muss nach zehnjährigem Schulbesuch von allen Gymnasiastinnen und Gymnasiasten erreicht werden können! Danach brauchen wir eine echte dreijährige Oberstufe, mit einem Jahr im Klassenverband, in dem die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Besuch der zweijährigen Qualifikationsphase geschaffen werden. Das ist eine faire Lösung auch für diejenigen mit schlechteren Startbedingungen, die so dann sprachliche Herausforderungen besser bewältigen können.“

„Bildung – mehr als Kompetenzen“

Im Hinblick auf den Bildungsanspruch des Gymnasiums stellt Schmidt mit Bezug auf das Motto der diesjährigen Hauptversammlung fest: „Bildung, das ist mehr als bloßer Kompetenzerwerb. Bildung bezieht sich stets auf Inhalte, schließt eine umfassende Persönlichkeitsbildung ein und entwickelt Werthaltungen und Verantwortungsbewusstsein! Damit verbietet sich eine Lehrerrolle, die diesen zum bloßen Lernbegleiter macht! Die äußerst verantwortungsvolle Aufgabe der Lehrerinnen und Lehrer ist es, Bildungsangebote zu machen, die die Schülerinnen und Schüler dann auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden nutzen können. Lernen und Leben am Gymnasium ist immer auch mit Werteerziehung, ethischer und musisch-ästhetischer Bildung, Fantasie und Kreativität verknüpft. Der gymnasiale Bildungsanspruch darf sich also keineswegs darin erschöpfen, nur bekannte und lösbare Pfade zu beschreiten oder aufzuzeigen. Kern gymnasialer Bildung ist gerade auch die Förderung der Neugier auf Unbekanntes, von noch nie Gefragtem und vielleicht Unlösbarem. Das Gymnasium ist damit auch eine Schulart für Unangepasste und Querdenker. Die Bildung des ganzen Menschen ist das Ziel und das ist eben mehr als bloßer Kompetenzerwerb – so wichtig dieser auch sein mag!“

Lernen in Zeiten der Digitalisierung verantwortungsvoll gestalten

Zu einem zukunftsorientierten Gymnasium, das seiner Verantwortung gerecht wird, gehört es auch, dass die neuen technischen Möglichkeiten durch die Digitalisierung dort genutzt werden, wo sie pädagogisch und didaktisch sinnvoll sind. „Das ist der Maßstab für ihren Unterrichtseinsatz,“ erklärt Schmidt, „nicht das technisch Machbare! Die Veränderung, die unsere Gesellschaft hier erfährt, erfordert dringend eine umfassende Medienerziehung in den Schulen. Deshalb gilt auch hier: Bildung ist mehr als der Erwerb von Kompetenzen!“

Festrede des Vorsitzenden Max Schmidt am 04. Dezember im Rahmen der Jahreshauptversammlung 2015 in Augsburg [243 KB]