"MITTELSTUFEPLUS, LEHRPLANPLUS - STELLENMINUS?"

Junge Gymnasiallehrkräfte tagen in Ingolstadt

Zulassungsbeschränkung zum Referendariat, prekäre Einstellungssituation, Beschulung von Asylsuchenden und Flüchtlingen – dies sind einige der Themen, die die aktuell turbulenten Zeiten in der Bildungspolitik, auch für das Gymnasium, bestimmen. Anlässlich dieser und weiterer Fragestellungen tagen über 100 junge bayerische Gymnasiallehrerinnen und -lehrer in Ingolstadt, wo die Jahreshauptversammlung der Referendar- und Jungphilologenvertretung (rjv) im Bayerischen Philologenverband (bpv), dem Berufsverband der Lehrer an Gymnasien und Beruflichen Oberschulen, stattfindet.

Sondermaßnahmen als Alternative, aber keine Lösung des Stellenproblems

Gerade die Einstellungssituation ist ein Thema, mit dem sich die Delegierten leider auch in diesem Jahr beschäftigen müssen. „Einerseits bewegen sich die Einstellungszahlen am Gymnasium auf ein Minimum zu, sodass zum neuen Schuljahr nicht einmal jeder fünfte Absolvent eine feste Stelle bekommen hat und die Anzahl der Bewerber auf der Warteliste weiterhin rapide zunimmt. Andererseits gibt es im Bereich der Grund-, Mittel- und Berufsschulen für die Beschulung von Flüchtlingskindern einen enormen Bedarf an Lehrkräften, gerade mit Fächern wie Deutsch, die am Gymnasium momentan wenig gefragt sind“, fasst Lisa Fuchs, die Vorsitzende der rjv, die Lage zusammen. Angesichts der anhaltend prekären Stellensituation am Gymnasium begrüßt die rjv daher die neu eingeführten Sondermaßnahmen an Mittel- und Berufsschulen, die jungen Gymnasiallehrkräften zumindest die Chance einräumen, langfristig im Lehrberuf – wenn auch (zunächst) nicht am Gymnasium – arbeiten zu können. Für die Beschulung von Asylsuchenden und Flüchtlingen wurden im Nachtragshaushalt dort 1.079 Stellen geschaffen, für die sich auch die gymnasialen Lehramtsassessoren im Rahmen der Sondermaßnahmen zur Erlangung der Lehrbefähigung an Mittel- bzw. Berufsschulen bewerben können.

Kritisch sieht die rjv jedoch die Tatsache, dass trotz voller Wartelisten auch Pensionisten, Quereinsteiger und Studierende für die Beschulung von Flüchtlingskindern herangezogen werden sollen. „Bayern kann es sich nicht leisten, hochqualifizierte Fachkräfte ziehen zu lassen und anstatt dessen Kolleginnen und Kollegen aus dem wohlverdienten Ruhestand oder Quereinsteiger ohne pädagogische oder fachliche Qualifikationen einzustellen. Die Integration von Flüchtlingskindern kann nur erfolgreich verlaufen, wenn die schulische Bildung von Fachkräften geleitet und begleitet wird.“, so Fuchs. Dass diese Sorge begründet ist, zeigt die Tatsache, dass für die Sondermaßnahme für Gymnasiallehrkräfte an Mittelschulen im September nur ca. 20% der Bewerber eine Zusage erhalten haben, obwohl die Lage im Sommer bereits abzusehen war und Pensionisten bereits diesbezüglich angeschrieben wurden. Des Weiteren ist häufig eine psychologische Betreuung der Kinder und Jugendlichen mit traumatischen Fluchterfahrungen an den Schulen notwendig, für die die vielen jungen, arbeitslosen Schulpsychologen prädestiniert wären.

Forderung nach Ende des „Schweinezyklus“

Nichtsdestotrotz mahnt die Vorsitzende der rjv auch ein generelles Umdenken in der Einstellungspolitik am Gymnasium an: „Es kann nicht sein, dass in manchen Jahren Absolventen mit Examensschnitten von 3,xx eingestellt werden, momentan aber nicht einmal Kandidaten mit Bestnoten von 1,xx.“ So wird nach Aussagen des Ministeriums der kommende Einstellungstermin im Februar mit ca. 100 Einstellungen nochmals schlechter für die etwa 800 Absolventen ausfallen als letztes Jahr. Dabei werden am Gymnasium in den kommenden Jahren mehr Lehrkräfte für die Beschulung von Flüchtlingskindern sowie die ohnehin zunehmenden Aufgaben – individuelle Förderung, Ganztagsangebote, Aufstockung der integrierten Lehrerreserve, MittelstufePlus bzw. eine Rückkehr zu einer neunjährigen Gymnasialzeit – gebraucht. Daher fordert die rjv schon jetzt bei der Einstellung die zukünftigen Entwicklungen zu bedenken. „Es ist nicht zielführend, jene Lehramtsassessoren Jahr für Jahr als Bildungsfeuerwehr mit Zeitverträgen abzuspeisen, so dass sie sich längerfristig umorientieren und wenn sie in ein paar Jahren gebraucht werden, nicht mehr zur Verfügung stehen werden“, so Fuchs.

Podiumsdiskussion mit Landtagsabgeordneten

Um die Einstellungssituation geht es auch bei der Podiumsdiskussion, der sich vier Bildungspolitiker aus dem Landtag stellen. Carolina Trautner (CSU), Martin Güll (SPD), Vorsitzender des Bildungsausschusses, Prof. Michael Piazolo (Freie Wähler) und Thomas Gehring (Die Grünen) beantworten die Fragen der angehenden Lehrkräfte, die auch mit der geplanten Zulassungsbeschränkung zum Referendariat zu tun haben. „Einerseits sind landauf, landab mehr Lehrer gefordert, andererseits möchte man die Zulassung zur Ausbildung beschränken und so aus einer Warteliste zwei machen“, fasst Maximilian Schmieding, stv. Vorsitzender der rjv, das Dilemma zusammen.

Vielfältige Workshops und Anträge

Dabei soll es aber bei der Jahresversammlung bewusst nicht nur um Bildungspolitik gehen. Die Teilnehmer nehmen auch selbst an Fortbildungen teil. In verschiedenen Workshops geht es z.B. um Alternativen zum gymnasialen Staatsdienst. Dabei spielen die beruflichen Schulen, der Auslandsschuldienst und die freie Wirtschaft diesmal eine wichtige Rolle. Zudem können sich die Delegierten über ganz praxisorientierte Themen, wie z.B. den Einsatz von iPads im Unterricht, Stimmbildung oder Steuertipps informieren.

Auch Anträge an den Hauptverband und die rjv stehen auf dem Programm, sind sie doch Grundlage für die Arbeit der Referendar- und Jungphilologenvertretung im nächsten Jahr.

Neuwahl der rjv-Spitze

Nicht zuletzt wird auch die Spitze der rjv neu gewählt. Lisa Fuchs aus München, die zwei Jahre lang Vorsitzende der rjv war, wird nicht mehr antreten: „Die Zeit als Vorsitzende war sehr spannend und die ganze rjv hat in dieser Zeit viel erreicht, wie etwa die Reduzierung des eigenverantwortlichen Unterrichts im dritten Ausbildungsabschnitt. Jetzt dürfen sich aber die jüngeren Kolleginnen und Kollegen voller Elan daran machen, diese erfolgreiche Arbeit weiterzuführen.“

Um die Nachfolge bewirbt sich bei der Wahl Maximilian Schmieding aus München, seit einem Jahr Stellvertreter und wie viele andere im September mit den Fächern Latein und kath. Religionslehre ohne Planstelle geblieben „Wir müssen unsere Anstrengungen kontinuierlich fortsetzen und mit dem Hauptverband zusammen die großen Baustellen in der Bildungspolitik „beackern“, denn wir sind diejenigen, die noch 30 und mehr Jahre im und mit dem System arbeiten.“

Die rjv vertritt Referendare und junge Gymnasiallehrkräfte in den ersten vier Dienstjahren. Zur Jahreshauptversammlung kann jedes Ausbildungsseminar in Bayern zwei Delegierte entsenden. 2015 werden mehr als 100 junge Lehrer von Passau bis Aschaffenburg in Ingolstadt tagen.
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