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KI im Studium: Soll ich…?

Ein Beispiel aus der Geschichtswissenschaft

 

Sicherlich sind Sie versucht, als Lehrkraft, im Studium oder privat Künstliche Intelligenz (KI) zu nutzen. Lese ich die Nachrichten, könnte ich glauben, dass diese technologische Revolution alles kann. Auch mich erreichen Fortbildungsangebote zur KI in der Recherche und Lehre. Denn mithilfe von KI können nun unglaubliche Datenmengen verarbeitet werden und das nonstop, da eine KI nicht schlafen muss. Zweifellos ist KI eine technologische Revolution, die unseren Alltag verändert. Aber wie hilfreich ist KI für mein Fach Geschichte?

Mir geht es nicht darum, ob und dass Sie als Lehrkraft KI nutzen. Vielleicht denken Sie, mit Hilfe der KI schnell Antworten auf historische Fragen zu bekommen, und haben sich bei ChatGPT registriert. Wie verlockend und befriedigend wäre es doch, dem Nachbarn oder Familienmitglied in einer Diskussion schnell die „richtigen“ Fakten zu präsentieren und das Argument zu gewinnen. Wie praktisch erscheint es, eine Wissenslücke mithilfe der KI zu schließen: Am nächsten Tag sind die Azteken im Unterricht dran und an der Universität haben Sie schlichtweg nichts über die Azteken erfahren? Die Google KI gibt Ihnen sofort eine Antwort.

Die Technik ist nun da. Ich bin kein Technologiefeind und glaube auch nicht, dass mit Verboten an der Schule oder Universität der technische Fortschritt aufgehalten werden kann - und er sollte es auch nicht. Auch ich bin neugierig auf die Fähigkeiten von KI und habe daher immer wieder ChatGPT für meine Recherche getestet. Ich habe immer wieder Recherchefragen gestellt, da ich mir schnelle Hilfe versprach. Wie schön wäre es, wie bei Star Trek die KI zu befragen und in Sekundenschnelle eine Antwort zu bekommen? Ich müsste mich nicht mehr durch Bücherstapel arbeiten - was ich übrigens ganz gerne mache. Aber Fortschritt ist Fortschritt.

Für mich war die Erfahrung enttäuschend. Schnell war ich ernüchtert und stelle ChatGPT derzeit keine historischen Fragen mehr. Im Gegenteil, ich sehe in der Verwendung solcher KI-Programme sogar eine Gefahr für das historische Lernen. Schlichtweg, dass der KI zu viel Autorität zugestanden wird und durch blindes Vertrauen in die Antworten verzerrtes, unvollständiges und auch falsches historisches Wissen entsteht.

Meine Kritik und Warnung vorneweg: Gehen Sie nicht davon aus, dass Sie für das Fach Geschichte befriedigende Antworten von ChatGPT bekommen werden. Die Antworten der KI können sogar lückenhaft sein und am Ende kann ihr Argument zerfallen, das nur auf KI basiert und nicht auf eigener Recherche. Dann hat der Dozent, die Nachbarin oder der Onkel doch Recht - und das wäre doch ärgerlich!

Hier mein Testbeispiel. Bitte behalten Sie im Kopf, dass ich nur aufgrund meines Vorwissens über die amerikanische Geschichte wusste, wann die KI mir schlechte und unvollständige Antworten liefert. Hätte ich nicht amerikanische Geschichte an der Universität zu Köln studiert und danach einen Weg als Amerikahistoriker eingeschlagen, wäre ich mit Antwort 1 zufrieden gewesen…

 

Die US-Präsidentschaftswahl von 2016 war wie ein Krimi abgelaufen und die Wahlen von 2020 und 2024 teils knapp und beide genauso spannend; So wie ausgesprochen viele Wahlgänge in den USA zuvor und ziemlich sicher auch noch in Zukunft. Die Amerikaner kennen das Gefühl. Aber im Laufe der Geschichte gab es eine Gewissheit, die fast immer zutraf, und so konnten Analysten, Kommentatoren und Wähler selbst eine Vorahnung entwickeln, wer die Wahl gewinnen würde.

„As Ohio goes, so goes the nation." Zwischen 1976 und 2016 lagen die Wähler in Ohio bei den Präsidentschaftswahlen immer richtig: Sie wählten mehrheitlich Jimmy Carter, Ronald Reagan, Bill Clinton, George W. Bush, Barack Obama und Donald Trump. All diese Kandidaten wurden dann auch US-Präsident. Bisher hat noch kein einziger Republikaner das Weiße Haus gewonnen, ohne die Mehrheit der Wähler und damit ohne die Wahlmännerstimmen des Bundesstaates Ohio. Der Bundesstaat scheint ein maßgeblicher Indikator für den Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen zu sein. Dies liegt an seiner Demographie sowie der Verteilung der Wähler, die repräsentativ für die USA ist: Die ländlichen Bezirke wählen republikanisch und der Bezirk Cuyahoga mit der Großstadt Cleveland demokratisch. Es fehlt daher nicht viel, ob die Stimmen Ohios an die Republikaner oder die Demokraten gehen.

Ich hatte diese Weisheit im Studium aufgeschnappt und auch bestätigt gesehen. Doch dann gewann Trump 2020 Ohio und verlor die Wahl. Biden wurde der erste Präsident seit Kennedy 1960, der ohne den Staat Ohio das Weiße Haus eroberte. Als Historiker wurde ich neugierig und wollte wissen, welche US-Präsidenten die Wahl ohne den Bundesstaat Ohio gewannen? Die Frage kann durch eine längere, zeitintensive Recherche beantwortet werden. Warum also nicht eine KI einsetzen, die mir diese zeitraubende Arbeit abnimmt und in wenigen Sekunden eine Antwort liefern könnte?

 

1. Schritt

Ich freue mich, denn die einleitende Erklärung ist gut. ChatGPT kennt das Zitat, weiß aber auch, dass es Ausnahmen von der Ohio-Regel gibt. Lesen Sie aufmerksam die Stelle, „hier sind die US-Präsidenten, die die Wahl ohne den Bundesstaat Ohio gewonnen haben.“ Laut dieser Antwort sind das alle US-Präsidenten, die ohne Ohio die Wahlen gewonnen hätten. Wieso sollten sie Grund für Misstrauen haben? Die „Recherche“ von ChatGPT könnten Sie nun in einem Referat oder einer Hausarbeit als „Wissen“ angeben.

Ziemlich sicher haben sie mitbekommen, dass Biden die Wahl von 2020 gewonnen hat. Aber wüssten Sie, mit welchen Stimmen aus den Bundesstaaten? Nun, ich bin ein Nerd für amerikanische Geschichte und weiß daher: Wo ist Joe Biden? Das aktuellste Beispiel fehlt!

Jetzt war meine Neugierde am „Potential“ von ChatGPT geweckt und ich fragte: „Sind das alle?“

 

2. Schritt

Die KI entschuldigt sich und liefert noch ein viertes und fünftes Beispiel. Bereits hier taucht zum ersten Mal eine falsche Antwort auf. ChatGPT wird sie bis zum Ende meiner Fragen beibehalten, obwohl es andere Falschinformationen korrigiert.

Ich weiß, aber dass das immer noch nicht alle sind, und hier hoffe ich noch, dass die KI sich selbst verbessern - dazulernen kann.

Aber was hat die KI nur gegen Joe Biden? Offensichtlich fehlen die aktuellen Nachrichten und neuere Informationen, aber mir war bekannt, dass die KI mittlerweile auf einem Wissensstand von 2023 ist. Sie muss also die Informationen zur Präsidentschaftswahl von 2020 besitzen. Also fragte ich die KI direkt nach dem 46. Präsidenten.

 

3. Schritt

 

Die damals letzte Wahl hat die KI nicht beachtet. Heute, über vier Jahre später, halte ich das Wissen über die Ereignisse von 2020 nicht mehr für derart aktuell, dass eine KI dies nicht „wissen“ könnte. Jetzt sind wir also mit Joe Biden bei sechs Fallbeispielen. Eines davon ist weiterhin falsch.

Sie ahnen es, ich habe meine Geschichtsbücher im Studium gelesen und frage weiter:

 

4. Schritt

Dies könnte die vollständige Antwort sein. Um sicherzugehen, müsste ich nun alle Wahlergebnisse seit 1789 selbst durchgehen: Also eine echte historische Quellenarbeit durchführen, um eine historische Fragestellung zu beantworten. Joe Biden erwähnt die KI nun, aber fügt ihn nicht schön sichtbar als achten Fall ein. Das wäre sowieso falsch, denn Wilson gewann 1916 Ohio und auch Clinton errang den Bundesstaat 1992. Ich bin längst misstrauisch und prüfe jeden Fall schnell selbst im Internet. Eine Zeitersparnis ist mir die KI schon längst nicht mehr. Im Gegenteil, ich muss jeden Fall kritisch nachprüfen, da ich aufgrund einer falschen Information keiner Antwort mehr trauen kann. Daher frage ich: Bist du dir sicher, dass das alle Beispiele sind?

 

5. Schritt

 

Die KI entschuldigt sich wieder und behauptet nun, eine „vollständige und überprüfte Liste“ anzubieten. Es seien „alle bekannten Fälle (…) und stellt sicher, dass keine wichtigen Beispiele fehlen.“

Endlich taucht auch Joe Biden in der Liste auf und beweist, dass das KI-Modell weitgehend aktuelle Informationen besitzen sollte. Wenn es sie auch herausrückt.

In der ersten Antwort hat die KI bereits geantwortet, alle Fälle genannt zu haben. Es waren drei, jetzt sind es zehn Präsidenten, welche die US-Wahl ohne die Stimmen aus Ohio gewonnen hätten. Falsch sind in dieser Liste die zwei Fälle von Wilson und Clinton, daher sind es eigentlich nur acht Fälle. Würden Sie dieser letzten Antwort vertrauen? Hätten Sie Wilson und Clinton überprüft? 

 

6. Schritt

 

Oh je: ChatGPT hatte mir doch eine Liste „aller bekannten Fälle“ geliefert und kein wichtiges Beispiel sollte fehlen. Die Wahl Trumans war durchaus sehr wichtig für den Verlauf des Kalten Krieges. Truman gewann Ohio nur mit 7107 Stimmen: Das sind so viele Menschen, wie in das Stadion Am Schanzl in Amberg passen, wo der FC Amberg oder die Amberg Mad Bulldogs spielen. Also wirklich nicht viele, aber einen Besuch wert.

Sie haben richtig gelesen: Truman gewann Ohio 1948. Wieder eine falsche Aussage mehr in der Liste. Aber ChatGPT behauptet felsenfest: „Diese Liste ist nun vollständig und enthält alle US-Präsidenten, die die Wahl ohne den Bundesstaat Ohio gewonnen haben.“

 

7. Schritt

Jetzt wird es verrückt. Der KI vertraue ich schon lange nicht mehr und ich behaupte einfach, es würde immer noch ein Beispiel fehlen. Mittlerweile habe ich auch davon gelesen,  dass die KI immer dem Menschen „gefallen“ will und ihm seine Wünsche erfüllen will. Das führt dann immer und immer wieder zu Falschantworten. ChatGPT liefert wieder:

 

Auf einmal taucht als Nummer fünf Abraham Lincoln auf. Lesen Sie genau: „Lincoln gewann Ohio, daher zählt er nicht zur Liste.“ Er ist aber in der Liste. Warum? 

Dieser Fehler ist leicht zu übersehen, da die KI bei der Aufstellung bleibt und Lincoln mitten drin auftaucht. Wenn Sie gerne Informationen aus dem Netz für ihre Unterrichtsvorbereitung copy-pasten, kann dieser Fehler leicht weiterwandern: auf die Powerpoint oder das Arbeitsblatt oder sogar in die Prüfung. Hätten Sie hier gewusst oder mithilfe von ChatGPT gelernt, dass Lincoln, Wilson, Clinton und Truman alle Ohio gewannen und Präsident wurden? Die Liste ist nun völlig unbrauchbar. Historische Recherche und Lernen können so nicht stattfinden.

 

8. Schritt

Mittlerweile komme ich mir schon fies vor und schenke der KI ein falsches Lob. Interessanterweise korrigiert sich die KI selbst: Lincoln verschwindet wieder, aber eine neue Falschmeldung taucht auf. Überraschung, es ist Nixon. Nixon soll Ohio 1968 verloren haben. Sie können es sich vielleicht mittlerweile denken. Denn bisher hat kein Republikaner ohne Ohio die Präsidentschaft gewonnen. Es stimmt also auch nicht, Nixon hatte Ohio gewonnen.

 

9. Schritt

„Zu viel Lob macht faul“ - daher kritisiere ich ChatGPT nun. „Ich glaube dir nicht“, tippe ich ein und verlange mehr Antworten.

 

Nun verschwindet Truman, aber die Fehler bleiben. Hier breche ich das Experiment ab. Am Ende muss ich alle Wahlgänge selbst durchforsten oder lasse das meine menschliche Hilfskraft Max machen.

Ich denke, Sie verstehen nun, weshalb ich ChatGPT nicht für die historische Recherche einsetze. Auch stelle ich dem Programm keine historischen Fragen mehr, denn ich kann nicht auf seine Antworten vertrauen. An diesem Beispiel sehen sie, dass ich bei jedem Fall anzweifeln muss, ob der Bewerber Ohio gewonnen oder verloren hat. Die zwei Falschaussagen Wilson (1916) und Clinton (1992) bleiben bis zum Ende meiner „Recherche“ mit ChatGPT: Es bleibt daher, als Historiker müsste ich immer noch meine eigene Recherche durchführen, wenn ich diese Fragestellung gesichert auf Quellenbasis beantwortet haben möchte.

Gegenstimmen könnten nun behaupten, ChatGPT sei für solche Recherchen gar nicht geschaffen, oder ich sei ein technologiefeindlicher Dinosaurier - ein Klischeehistoriker, der auf Bücher schwört. Zur Technologie: Nutzen sie als Lehrkraft diejenigen KI-Werkzeuge, die ihnen Arbeit abnehmen. Ich will sie nur auf die Schwächen von ChatGPT für die historische Recherche hinweisen, denn ihre Schüler nutzen diese Werkzeuge meist völlig unkritisch. Basierend auf diesem Beispiel ist es nicht das richtige Recherchewerkzeug für die Geschichtswissenschaft.

Es klingt verführerisch, dass die KI ein effizienteres Lernen möglich machen soll. Ihnen die Recherche und Erstellung von Präsentationen abnehmen könne. Zumindest oberflächlich produziert die KI Textantworten und auch schöne Präsentationen, aber ohne Garantie für die Inhalte der Darstellungen. Wenn sie also die KI-generierten historischen Darstellungen als ihre „Recherche“ ausgeben oder im Geschichtsunterricht nutzen, würde ich nicht darauf vertrauen, historisch verlässliche Informationen erhalten zu haben. Wenn sie eine saubere Arbeit oder eine verlässliche und quellengestützte historische Aussage treffen wollen, bedeutet dies immer noch selbständig zu recherchieren, zu lesen und abzuwägen und somit geisteswissenschaftliche Arbeit zu leisten - denn nur dann können sie die Angebote der KI auch hinterfragen und wirklich nutzen.

 

PD Dr. Moritz Pöllath, 06. Mai 2025 (aktualisiert: 20. August 2025)

 

SchrittAntwortenFalsche Antworten
1Kennedy, Roosevelt, Cleveland (3) 
2Kennedy, Roosevelt, Cleveland, Polk (4)Wilson (1)
3Kennedy, Roosevelt, Cleveland, Polk und Biden (5)Wilson (1)
4Kennedy, Roosevelt, Cleveland, Polk, Buchanan und Biden (6)Wilson und Clinton (2)
5Adams, Polk, Taylor, Buchanan, Cleveland, Roosevelt, Kennedy und Biden (8)Wilson und Clinton (2)
6Adams, Polk, Taylor, Buchanan, Cleveland, Roosevelt, Kennedy und Biden (8)Wilson, Truman und Clinton (3)
7Adams, Polk, Taylor, Buchanan, Cleveland, Roosevelt, Kennedy und Biden (8)Lincoln, Wilson, Truman und Clinton (4)
8Adams, Polk, Taylor, Buchanan, Cleveland, Roosevelt, Kennedy und Biden (8)Wilson, Truman, Nixon und Clinton (4)
9Adams, Polk, Taylor, Buchanan, Cleveland, Roosevelt, Kennedy und Biden (10)Wilson, Nixon und Clinton (3)

 

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