Prüfungs- und Leistungskultur
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Brauchen wir einen Wandel der Prüfungskultur?
“Umfassende Reform der Prüfungskultur”
von Philippe Wampfler, Schweizer Autor und Lehrer, Fachdidaktiker und Experte für Lernen und Digitalität
Prüfungen wurden und werden mit hohem Aufwand normalisiert. Wer lernt, braucht dafür keine Prüfungen. Kinder und Erwachsene erwerben täglich neue Kompetenzen, ohne dabei an Prüfungen zu denken. Gleichwohl können sich die meisten Menschen keine prüfungsfreie Schule vorstellen. Diese Normalisierung wirkt so stark, dass sie auch sanfte Veränderungsvorschläge einer Prüfungskultur als utopisch oder unsinnig erscheinen lässt. Dieser Beitrag plädiert für eine umfassende Reform der Prüfungskultur, welche diese Normalisierung grundsätzlich infrage stellt. Die etablierte Prüfungspraxis führt zu sechs Problemfeldern:
Erstens kommen Prüfungen immer entweder zu früh oder zu spät. Lernende werden in Prüfungssituationen gezwungen, auch wenn die dafür notwendigen Lernprozesse noch nicht abgeschlossen sind. Gleichzeitig beenden Prüfungen Lerneinheiten. In diesem Sinne kommen sie zu spät: Die damit verbundene Rückmeldung hat wenig Nutzen für Lernende. Prüfungen verhindern kontinuierliches, aufbauendes Lernen; sie begünstigen kurzfristige, wenig nachhaltige Verfahren.
Zweitens sind damit Fehlanreize verbunden. Schülerinnen und Schüler lernen weder für die Schule noch fürs Leben, sondern für die Prüfung. Dabei müssen sie schnell arbeiten, statt genau; sie schreiben bei Aufgaben unkritisch alles hin, was Punkte geben könnte. Lehrende und Lernende verengen ihre Anstrengungen stark, bis nur noch Prüfungen im Mittelpunkt potenziell vielfältiger, abwechslungsreicher Lernprozesse stehen. Das demotiviert.
Dieser dritte Aspekt wird stark unterschätzt, weil im Rahmen der Normalisierung von Prüfungen beteuert wird, sie würden die Motivation anheben. Das stimmt nicht - Prüfungen zwingen Lernende, sich mit Themen zu beschäftigen, die nicht zu ihrer Entwicklung passen. Das ist keine Motivation. Prüfungen sind "Schüsse in den Ofen", heißt es im zentralen Aufsatz zur Motivationstheorie von Deci und Ryan: "Sie rufen nicht nur negative affektive Reaktionen hervor, sondern bewirken darüber hinaus auch ein qualitativ schlechteres Lernverhalten." Neben den negativen Emotionen, die mit Prüfungen verbunden sind, frustrieren auch die schlechten Ergebnisse: Zwei Drittel einer Klasse erhalten mittelmäßige bis schlechte Noten. Niemand lernt gern, wenn damit kaum Erfolge zu erzielen sind.
Demotivierend wirkt viertens auch der Vergleich mit anderen. Kinder vergleichen sich nur dann gern mit anderen, wenn sie den Eindruck haben, gut dastehen zu können. Wer kontinuierlich als weniger leistungsstark dargestellt wird, entwickelt eine Abneigung gegen Vergleiche. Das Lernen von Menschen kann und soll nicht verglichen werden, zumal jedes Verfahren dafür enorm ungenau ist. Zwar suggerieren die Zahlen, aus denen Noten bestehen, eine mathematische Präzision. Bei wissenschaftlicher Betrachtung erweist sich diese Genauigkeit als Illusion. Der Vergleich ist also nicht nur problematisch, sondern schlicht auch falsch.
Fünftens sind Prüfungen mit Allokation verbunden. Die Schule übernimmt die Aufgabe, Menschen bestimmten Berufsfeldern zuzuweisen. Wer gute Noten hat, darf studieren und gut bezahlte Berufe mit angenehmen Arbeitsbedingungen ausüben. Wer schlechte Noten hat, verdient schlecht und muss sich mit weniger attraktiven Berufen abgeben. Das wird mit Prüfungen als gerecht verkauft. Eine gute Schule fördert alle Kinder, sie ermöglicht ihnen Entwicklungen und schafft Chancen. Prüfungen verhindern Entwicklungen und zerstören Chancen.
Prüfungen sind sechstens lebensfremd. Sie orientieren sich an Aufgaben, die sich gut korrigieren lassen, nicht an Kompetenzen, die wichtig sind. Mut, Kritikfähigkeit, Resilienz, Solidarität, Empathie — das sind alles Kompetenzen, für die Schulen einstehen. Gegenstand von Prüfungen sind sie nicht. Das Wichtige wird nicht geprüft und das weniger Wichtige, das geprüft wird, wird mit so vielen Einschränkungen verbunden, dass letztlich eine Problembearbeitung erfolgt, die sich stark von der unterscheidet, die Menschen in Berufen und im Leben anwenden. Wenn Menschen unter Druck rechnen müssen, verwenden sie einen Taschenrechner, wenn sie wichtige Texte schreiben müssen, ein KI-Tool — wenn sie unsicher sind, sprechen sie mit anderen Menschen über die Probleme, die sie bearbeiten. All das darf man in einer Prüfung nicht, obwohl es sinnvoll wäre.
Bleibt die Frage nach der Alternative. Die Antwort liegt auf der Hand: An die Stelle von Prüfungen soll Feedback treten. Lernende brauchen Rückmeldungen, sie müssen wissen, wo sie stehen und was sie können. Prüfungen leisten dies nur unzureichend. Feedback hingegen funktioniert besser und wirkt nachhaltiger. Verbindlichkeit und Allokation hingegen müssen Menschen leisten, die Schülerinnen und Schüler begleiten und ihnen helfen, den richtigen Weg für ihre Entwicklung zu finden.
“Humane Leistungskultur statt Wellnesspädagogik”
von Klaus Zierer, Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Der Text entstand unter Mitarbeit von Thomas Gottfried.
Schule hat ein doppeltes Mandat: Auf der einen Seite ist sie einer der wichtigsten Lebensräume für Kinder, um sie nach ihren Möglichkeiten optimal zu fördern. Auf der anderen Seite ist sie neben der Familie für die Gesellschaft die wichtigste Institution, um die Grundlagen für das Gemeinwohl zu schaffen. Beides ist nur über Leistung möglich. Selektion und Allokation gehören zu den zentralen Funktionen der Schule: Menschen auszuwählen und bestimmten Bereichen zuzuordnen. Es ist ein Verdienst der Aufklärung, dass sich diese Funktionen intentional nicht mehr nach Lebensgrundlage, Familie oder Milieu richten, sondern in erster Linie nach Leistung, die es ermöglicht, Kinder nach objektiven Kriterien bestmöglich zu fördern sowie Chancen und Zugänge zu gesellschaftlichen Positionen fair zu verteilen. Leistung sichert Bildungsgerechtigkeit, auch wenn Ideal und Realität wie so oft nicht deckungsgleich sind.
Leistungsorientierung birgt auch Risiken wie zu viel Stress, Druck oder gar Angst. Lehrpersonen müssen sich dieser Gefahren bewusst sein. Bildung heißt Fehler machen, Umwege gehen, Irrwege beschreiten, sie ist meist fordernd bis schmerzhaft. Anstrengungsbereitschaft, Durchhaltevermögen, Ehrgeiz und Zielstrebigkeit stellen das Fundament von Bildung dar. Standards immer weiter abzusenken, Hürden einzureißen, Widerstände zu beseitigen, widerspricht diesem Grundverständnis. Junge Menschen vor jeglichem Stress zu bewahren und sie nicht dabei zu begleiten, mit ihren Ängsten umzugehen, ist pädagogisch unverantwortlich. Wichtiger wäre, junge Menschen anzuleiten, mit Eustress und Distress, mit Druck und Angst umgehen zu lernen.
Lehrerprofessionalität ist der Schlüssel für eine humane Leistungskultur. Dafür spielen nicht nur Kompetenzen eine Rolle, sondern vor allem Haltungen. Lehrerinnen und Lehrer müssen durch Leistung und zur Leistung erziehen. Dafür braucht es einen Wandel in der Prüfungskultur: Schülerleistungen im Sinn eines formativen, das heißt kontinuierlichen und begleitenden Feedbacks, sind unerlässliche Rückmeldungen auch für die Lehrpersonen, um den eigenen Unterricht kritisch zu hinterfragen. Stegreifaufgaben und Abfragen sind wichtige Instrumente, um Sichtbarkeit des Lernens und Wirksamkeit des Lehrens aufzuzeigen. Aus dem Stegreif etwas zu können, ist Manifestation von Alltagskompetenz. Sich ohne Vorankündigung zu bewähren, gehört zu den elementaren Fähigkeiten des Menschen gerade in einer von Digitalisierung und Desorientierung geprägten Lebenswelt. Die Leistungen der Schüler bieten wertvolle Informationen für den Unterricht - ein Verbot würde das Spektrum von Schülerfeedback einschränken. Selbstverständlich gibt es auch unprofessionellen Umgang damit. Wenn Fehler als Anlass zur Herabsetzung des Schülers missverstanden werden, versagt der jeweilige Lehrer; dies kann aber auch bei jeder anderen Prüfungsform ebenso auftreten, zum Beispiel bei angekündigten Leistungserhebungen.
Gefährlich sind vor diesem Hintergrund Ideen, wegen KI auf traditionelle Prüfungsformate zu verzichten: Warum noch selbst einen Aufsatz verfassen oder selber rechnen? All das kann KI - und vielfach besser als Schüler. Bildung passiert aber nicht im Rechner. Sie findet im Menschen statt, der sich auf den Weg gemacht und alle Unwägbarkeiten gemeistert hat. Schule soll den jungen Menschen das Nachdenken lernen - wer es ihnen abnimmt, schadet der Bildung. So sind auch im digitalen Zeitalter traditionelle Prüfungsformate wichtiger denn je, weil sie sichtbar machen, was der Schüler selbst zu leisten imstande ist.
Eine humane Prüfungskultur ist von Anspruch und Zuspruch, von Kontinuität und Qualität, von Normalität und Selbstverständlichkeit geprägt. Sie fördert aufbauendes Lernen durch Vernetzung, Übung und Wiederholung. Dazu gehört auch die unangekündigte Prüfung von Lernstand und Kompetenzzuwachs, denn sie sichert Regelmäßigkeit und Gewissenhaftigkeit.
Kinder und Jugendliche wollen etwas leisten, sich anstrengen, sich mit anderen messen, zeigen, was sie können. Sie empfinden Freude an der Leistung. Sie nehmen sich dabei als selbstwirksam wahr und können stolz auf sich sein. Kinder und Jugendliche wollen mit ihren Fähigkeiten gesehen werden. Anspruchsvolle Leistungserhebungen sind Eintrittskarten in den Dialog über Verbesserungsmöglichkeiten des individuellen Lernens.
Eine bildungswirksame Prüfungskultur ohne zu viel Angst und zu viel Druck, aber mit positivem Stress ist immer dann möglich, wenn Prüfungsergebnisse als Motor des Lernens begriffen und Fehler begrüßt werden, wenn eine vertrauensvolle Atmosphäre herrscht und das Wohlwollen als Leitmotiv wirkt, wenn in der Rückmeldung nicht nur das Ergebnis, sondern auch der Lernprozess betrachtet und die entscheidende Frage beantwortet wird: Wie kann ich mich verbessern?