20 Jahre AGW


Wolfram Lautner, Max Schmidt:

20 Jahre Arbeitskreis Gymnasium und Wirtschaft - Ein Rück- und Ausblick

Das wichtigste Wort im Namen des „Arbeitskreises Gymnasium und Wirtschaft“ (AGW) ist das „und“. In allen Phasen seiner 20jährigen Geschichte stand das gemeinsame Bemühen der Philologen. Eltern und Firmenvertreter im Mittelpunkt, eine Brücke zwischen Schulen und Unternehmen zu schlagen, um gegenseitiges Verstehen zu fördern und den Übergang von der Ausbildung in das Berufsleben zu gestalten. Doch einmal gebaut, musste diese Brücke von allen Akteuren immer wieder neu unter veränderten Rahmenbedingungen begangen werden.

Darin vermag das Geheimnis liegen, warum der AGW heute so jung ist wie vor 20 Jahren.

Die Gründerjahre des Arbeitskreises Gymnasium und Wirtschaft

Die erste Begegnung zwischen Heinz Durner und Dr. Hans-Georg Knoche, den Gründern und (späteren) langjährigen Vorsitzenden des AGW, fand am 7.3.79 beim Friseur Bauer in Oberhaching statt. Der Tag mag Zufall gewesen sein. Doch der Ort war geeignet wie kein zweiter. Denn wo spiegelt sich gesellschaftliche Realität besser wider als in den Gesprächen, die in einem Friseursalon geführt werden ? Dr. Knoche beklagte damals die Realitätsferne und Technikfeindlichkeit an den Gymnasien, Heinz Durner verteidigte das Gymnasium, das besser sei als sein Ruf. Beide entwickelten ad hoc ihre Visionen eines künftigen Bildungssystems. Die Idee des AGW war geboren. Philologen wie Franz Ebner, Max Schmid, Werner Honal, Heinz Durner, Rainer Rupp, Wirtschafts-vertreter wie Prof. Dr. Avenarius und Dr. Buresch (beide BMW), Dr. Lamprecht (Siemens), Dr. Wünsch (IHK), Dr. Knoche (MBB) und Vertreter der Landeseltern-vereinigung wie Dr. Gerda Lorenz starteten den Dialog über Bildungsziele, Lerninhalte und Lernmethoden.

Tagungen in Feldkirchen/Westerham, dem Bildungszentrum der IHK zu Themen wie „Was heißt Allgemeinbildung?“ oder „Technischer Fortschritt – ethischer Rückstand“ lieferten Anstöße für bildungspolitisches Gestalten. Das Patenschaftsmodell zwischen dem Ruperti-Gymnasium Mühldorf, damals unter Leitung von OStD Laskos und StD Kästner, und Messerschmitt-Bölkow-Blohm (heute Daimler-Chrysler-Aerospace/Dasa) und Tagungen der Ministerialbeauftragten in Bayern bei Wirtschaftsunternehmen wie Dasa, BMW und Siemens schufen beispielhaft neue Formen der Begegnung zwischen Schule und Industrie. Studientage wie z.B. die des Luitpolt-Gymnasiums in München, die StD Rauschmayer engagiert durchführte und und Industrie in den Schulalltag.

Der MMTT – der Münchner Mädchen Technik Tag – von Frau Heinzerling, damals Mit-arbeiterin von MBB, vorbereitet und durchgeführt, fand breite Beachtung.

Die Konsolidierung des AGW als eingetragener Verein

Diese ersten Ansätze in eine vertiefte Begegnung zwischen Gymnasium und Wirtschaft überzuführen, die nicht nur auf Bayern beschränkt blieb, sondern bundesweit stattfand, gelang mit der Etablierung des AGW als eingetragenem Verein seit 1984. Die Geschicke des Vereins lenkten die Geschäftsführer Carmen Kühnl, später Beate Pappritz und Tilmann Wunderer.

Ausgehend von den Erfahrungen der Tagungen in Feldkirchen-Westerham und den dort erarbeiteten bildungspolitischen Konzepten gelang es dem AGW, Impulse für den Unterricht an Gymnasien zu geben. Studientage wurden als Pflichtveranstaltung für jede Schule eingeführt und das Prinzip eines fächerübergreifenden Unterrichts wurde in bayerischen Lehrplänen verankert. Dabei hat die Zusammenarbeit des AGW mit dem Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung (ISB) in München und das Engagement von Kollegen wie Dr. Meinel, Dr. Thum, Dr. Riedner und R. Reger sehr positiv gewirkt. Die Unterstützung, die der AGW durch das Bayerische Staats-ministerium für Unterricht und Kultus erfahren hat, namentlich durch Staatsminister Hans Zehetmair und den Leiter der Gymnasialabteilung, Dr. Pütterich, legte die Basis dafür, daß der AGW Ende der 80er Jahre erstmals mit einem Modellversuch der Bund-Länder-Kommission (BLK) beauftragt wurde. Dabei standen die Themen „Auto, Verkehr, Umwelt“; „Luft- und Raumfahrt“, „Chemie und Umwelt“ im Mittelpunkt. Über drei Jahre erarbeiteten Expertengruppen Modelle für die Behandlung dieser Themen im Rahmen des gymnasialen Unterrichts.

Heute mag man sich fragen, warum gerade diese Inhalte Gegenstand eines BLK-Modellversuches wurden. Die Themen waren Ergebnis einer zweitägigen Klausur-Tagung im Hotel Bayern am Tegernsee, an der Vertreter der Wirtschaft, der Landeseltern-vereinigung und des Schulbereiches 1986 teilgenommen hatten. „Auto, Verkehr, Umwelt“, „Luft- und Raumfahrt“, „Chemie und Umwelt“ wurden neben „Energie und Umwelt“, „Landwirtschaft“ und „Wissensverarbeitung“ als die Bereiche gesehen, die für die künftige Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft von grundliegender Bedeutung sind. Sie bestimmen heute noch die programmatische Ausrichtung des AGW.

Dem Ziel des AGW, „mehr Arbeitswelt in die Schulen zu bringen“, dienten in jener Zeit zwei weitere sehr erfolgreiche Projekte. Zunächst wäre die Buchreihe MAMBA. PHAMBA, CHAMBA und WAMBA zu erwähnen.

Die Erfolgsautoren dieser auf die Arbeitswelt bezogenen Aufgaben W. Schmitt und M. Engerer sind heute noch dem AGW eng verbunden. Das zweite Projekt liegt unter dem Slogan „Lehrer in die Wirtschaft“, Siemens KWU gab drei von ihren Unterrichts-verpflichtungen frei gestellten Lehrern die Gelegenheit, für eine volles Jahr als selbstän-dige Sachbearbeiter im Unternehmen mitzuarbeiten. In der Rückschau kann man wohl mit Fug und Recht behaupten, dass beide Seiten, das Unternehmen wie die Lehrkräfte, von diesem Pilotprojekt profitierten.

Der AGW als Dienstleister und Forum für das Gymnasium der Zukunft

1992 wurde Heinz Durner zum Vorsitzenden des Deutschen Philologenverbandes gewählt.

Dr. Hans-Georg Knoche trat in den Ruhestand. Max Schmidt und Wolfram Lautner folgten ihnen im Vorsitz des AGW nach. Die Geschäftsführung hatte ein Jahr zuvor Dr. Wurthmann übernommen und wurde ab 1992 von Petra Diesler unterstützt. Nach dem Ausscheiden von Dr. Wurthmann übernahm Petra Diesler 1995 die Geschäftsführung allein. Die Zeit ab 1992 war im wesentlichen durch drei Charakteristika geprägt:

1. Der AGW erweiterte sein bundesweites Engagement. Er richtete eine Außenstelle in Schwerin, Mecklenburg-Vorpommern ein und intensivierte seine Aktivitäten vor allem in Thüringen. Staatssekretär Ströbel – ein Gründungsmitglied des AGW – hat diese Bemü-hungen sehr stark unterstützt.

2. Dem BLK-Modellversuch Nr. 2 des AGW „Schutz der Erdatmosphäre“ folgte 1996 der BLK-Modellversuch Nr. 3, der der Kreativitätsförderung an Gymnasien gewidmet ist. Prof. Weinert vom Max-Planck-Institut in München hat mit seinen Thesen diesen BLK-Modellversuch wesentlich inhaltlich bestimmt und damit die Arbeit des AGW wieder stärker auf die Erarbeitung neuer bildungspolitischer Konzepte ausgerichtet.

3. Daneben begann der AGW als Dienstleister für Unternehmen Inhalte aufzuarbeiten, die das Verständnis für technisch-wirtschaftliche Zusammenhänge und betriebswirt-schaftliche Entscheidungen fördern sollen.

Im Bereich „Luft- und Raumfahrt“ entstanden in Zusammenarbeit mit der Daimler-Chrysler Aerospace AG in München sechzehn Informationsbroschüren für die Hand des Lehrers.
Nicht nur die Auflage von insgesamt 64.000 Heften, sondern auch die bundesweite – z.T. sogar europaweite – positive Resonanz zeugen vom großen Erfolg dieses Projekts.
Daimler-Chrysler hat ihn zum Anlass genommen, seinerseits acht Informations-broschüren zum Themenfeld „Auto, Verkehr, Sicherheit, Umwelt“ durch den AGW erarbeiten zu lassen.

Die Wacker Chemie in München, durch Dr. Muschi im AGW-Vorstand viele Jahre vertreten, hat wertvolle Unterrichtsmaterialien zu den Themen „Chemie und Umwelt“ sowie „Umweltanalytik“ fachlich und finanziell gesponsert.

Die Siemens KWU mit Sitz in Erlangen und im AGW-Vorstand durch Gerhard Müller vertreten, hat die Broschüre „Entstehung der Dampfkraft“ unterstützt, die nun auch in aktualisierter und erweiterter Form als CD-ROM vorliegt. Darüber hinaus hat Siemens KWU zusammen mit dem Bayernwerk in jüngster Zeit die Durchführung eines Symposiums mit dem Titel „Nachhaltigkeit der Energieversorgung für die kommenden Generationen“ ermöglicht, an dem Wissenschaftler, Fachleute aus Unternehmen und Lehrer teilgenommen haben. Diese Veranstaltung bildete den Auftakt für eine Neubelebung des AGW-Projekts „Energie und Umwelt“ , in dessen Rahmen neben einem Solarkoffer für den Physikunterricht auch zahlreiche Publikationen (u.a. gefördert durch das Umweltbundesamt) entstanden sind.

Der Bayerische Philologenverband sowie die Stiftung „Gymnasien, Studium und Beruf“ erteilten dem AGW den Auftrag zu aktuellen bildungspolitischen Themen Tagungen in Bayern, Thüringen und Sachsen durchzuführen.

Die aus diesen Tagungen entstandenen Broschüren trugen zur länderübergreifenden Multiplikation der Diskussion bei.

Albert Einstein wird das Wort in den Mund gelegt: „Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn man das Gelernte vergessen hat“. In diesem Sinne wird sich der AGW in Zukunft – neben seinem Engagement als Dienstleister für Unternehmen – auch wieder stärker um die Mitgestaltung des Übergangs von der Ausbildung ins Berufsleben kümmern und an der Erarbeitung bildungspolitischer Konzepte mitwirken. Die aktuelle bildungspolitische Diskussion, die in Deutschland seit einigen Monaten intensiv geführt wird, mag dazu ebenfalls ermuntern, doch viel mehr die Tradition aus den Anfangsjahren des AGW.