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IRRWEGE VON BOLOGNA

Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn


Die gleichnamige Tagung der Gesellschaft für Bildung und Wissen e.V. (GBW) wurde von den Professoren Dr. Volker Ladenthin (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn), Dr. Hans Peter Klein (Goethe Universität Frankfurt) und Dr. Ursula Forst (Universität Köln) konzipiert und fand am Samstag, den 13.04.2013, an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn statt.

Seit den Beschlüssen von Bologna 1998 hat der danach benannte Bologna-Prozess Einzug in das deutsche Bildungssystem gehalten. Er wurde zum Anlass genommen, das Hochschulsystem nicht nur auf international vergleichbare Abschlüsse umzustellen und die (internationale) Mobilität der Studierenden zu erleichtern, sondern zugleich die größte Studienreform der Nachkriegszeit durchzusetzen. Obwohl mittlerweile die meisten Fachbereiche an den Hochschulen auf das gestufte System des Bachelors und Masters nach anglo-amerikanischem Vorbild umgestellt haben, ist dieser Prozess noch längst nicht abgeschlossen, da es vor allem in den letzten Jahren zu einer grundlegenden Kritik aus nahezu allen Gesellschaftsbereichen sowohl an der Gesamtkonzeption als auch an den Ausführungsbestimmungen im Einzelnen gekommen ist. So werden nach inzwischen mehr als zehn Jahren Bologna-Prozess immer mehr Stimmen laut, die ein generelles Scheitern der Reform anmahnen, da nahezu alle vorgegebenen Ziele bisher nicht erreicht werden konnten.

Die Tagung wollte mit Beiträgen aus verschiedenen Forschungs- und Lehrbereichen die Öffentlichkeit über aktuelle Entwicklungen aufklären, nötige Korrekturen anmahnen und Alternativen aufzeigen.

Schon im Rahmen der Begrüßungsreden (Prof. Dr. Ladenthin, Prof. Dr. Krautz) wurde die Kritik am derzeitigen bildungspolitischen Mainstream deutlich artikuliert: Was ist Wissenschaft heute eigentlich noch wert, wo es doch immer mehr Universitäten, immer mehr Studenten und immer mehr Studenten ohne Abitur gibt? Sogenannte „Experten“ ohne wissenschaftlichen Hintergrund prädominieren die Meinungsbildung in den Medien, abgesicherte Aussagen von Wissenschaftlern werden in den immer zahlreicher werdenden Talkshows nicht angemessen gewürdigt. Hochschulen müssen sich zunehmend mehr nach den Forderungen der Politik richten. Die scheinbare Einbeziehung der Betroffenen beschränkt sich auf die Umsetzung der Maßnahmen – nicht bei der Entscheidung darüber! Das erinnert fatal an die Einführung des achtjährigen Gymnasiums in Bayern: Dem Bayerischen Philologenverband blieb nach der überstürzten Einführung des G8 nichts anderes übrig, als bei dessen Ausgestaltung mitzumachen, um noch das Bestmögliche zu erwirken, da er sonst gar keine Einflussmöglichkeiten mehr gehabt hätte.

Im ersten Vortrag „Bologna – Hintergründe, Modelle und Akteure“ zeichnet Dr. Matthias Burchardt ein recht düsteres Bild von der gegenwärtigen Situation an deutschen Hochschulen. Inzwischen gibt es dort überwiegend „Bologna-Natives“, viele Professoren haben resigniert, andere sich arrangiert und manche sogar profitiert. Die Universitäten haben sich verändert: Stand früher die Freiheit der Wissenschaft, die Akademisierung (gesellschaftliche Verantwortung, Persönlichkeitsbildung, wissenschaftliche Erkenntnis) im Fokus, dominiert heute die Ökonomie, die Berufsorientierung (Wirtschaftsfaktor, Kompetenzerwerb, funktionales Wissen). Negative Folgen seien eine minderwertige Qualität des Studiums, ein veränderter Studententypus (Nützlichkeitsdenken, Feilschen um Noten u. a.) und die zunehmende Drittmittelabhängigkeit. Auch hier drängen sich mir zwangsläufig Parallelen zum Gymnasium auf: steigende Abiturientenquote, Kompetenzorientierung statt Bildung, „entrümpelte“ Lehrpläne u. v. a. m.

Im anschließenden Vortrag „Bologna-Reform: Segen oder Fluch für die deutsche Universität?“ kommt Prof. Dr. Bernhard Kempen zu dem Schluss: An der Reform der Reform führt kein Weg vorbei, der Master muss der Regelabschluss sein. Die Fehlentwicklungen sind vor allem in der mangelnden Finanzausstattung begründet. Bologna sei aus finanzpolitischen Gründen missbraucht worden, das Diktat der Ökonomie war übermächtig. Die Reformziele wurden nicht erreicht: hohe Abbrecherquoten insbesondere in den MINT-Fächern, Noten und Quoten verhindern Master-Abschlüsse, ein Bachelor ohne Praxis hat kaum Berufsaussichten, das Mobilitätziel wurde nicht erreicht, es gibt keinen internationalen Anerkennungsmechanismus.

Im letzten Vortrag vor der Mittagspause „Bologna und die Exzellenzinitiative“ stellt Prof. Dr. Michael Hartmann eine zunehmende Spaltung innerhalb der deutschen Hochschullandschaft fest. Der mit dem Bologna-Prozess einhergehende Paradigmenwechsel zum ökonomischen Denken hat zu einer Stärkung der Starken (Hochschulen, Fächer) und zu einer Schwächung der Schwachen geführt. Es bildet sich eine Hierarchie unter den Universitäten aus, die es bislang nur im Ausland zu beobachten gab. Insbesondere die Akquirierung von Drittmitteln führt einerseits zu „Forschungsuniversitäten“, die bevorzugt Master hervorbringen und andererseits zu „Ausbildungsuniversitäten“, die die Massenversorgung mit Bachelors sichern.

„Für einen erneuerten Humanismus in der Hochschulbildung“ trat Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin ein. Er bezeichnet den Bologna-Prozess als eine pragmatische Korrektur der Humboldtschen Reform, sozusagen eine Rolle-rückwärts in das 18.Jahrhundert. Humboldts ging es darum, die Universität und die Wissenschaft von allen „äußeren Zwecken“, wie es zeitgenössisch hieß, unabhängig zu machen. Politische oder kirchlich-religiöse Einflussnahme auf die wissenschaftlichen Inhalte wollte Humboldt um jeden Preis verhindern. Auch die Unterwerfung der Forschung unter das Nutzen- und Profitinteresse der Wirtschaft wollte er nicht akzeptieren. Wissenschaft sollte auf Wahrheitssuche, auf Erkenntnis um ihrer selbst willen abzielen. Auch heute noch sollte nach Nida-Rümelin die Urteilskraft, also die Befähigung, sich selbst ein Urteil bilden zu können, höchstes Ziel einer akademischen Ausbildung sein. In diesem Zusammenhang kritisiert er auch die seiner Meinung nach „verkorkste G8-Umstellung“ in Bayern, die für philosophische Fragestellungen und vertieftes Fachwissen als notwendige Voraussetzung für Urteilsfähigkeit keine Zeit mehr lässt. Die verkürzte Schulzeit führe ehedem zu einer Ausdehnung des Bakkalaureats bis zu vier Jahren.

Der Glanzpunkt des Nachmittags in Bezug auf Inhalt und Unterhaltungswert war aus meiner Sicht - also der eines bayerischen Gymnasial- und Seminarlehrers - der Vortrag von Prof. Hans Peter Klein zum Thema „Bologna, PISA und die Folgen: Chaos in der Lehrerbildung“. Nach der humoristischen Einstiegsfrage „Was soll ein Lehrer mit einem Bachelor, etwa Hilfslehrer oder Hausmeister werden?“, kritisierte er die derzeit chaotische Strukturierung von Lehramtsstudiengängen in ausgewählten Bundesländern, allen voran Nordrhein-Westfalen mit den häufigsten Veränderungen während den letzten 15 Jahren. Seine klare Forderung ist: Alle Lehrkräfte brauchen eine Masterausbildung. Am Beispiel Baden-Württembergs zeigte er den bundesweiten Trend auf, dass der fachwissenschaftliche Anteil des Lehramtsstudiums immer weiter gekürzt wird, hier sogar um 50 %.

Des weiteren missbilligt er das neue Modewort „Individualisierung“. Nach der Hattie-Studie ist die (vom Lehrer ausgeführte) aktive und geführte Instruktion (fragend-entwickelndes Unterrichtsgespräch) sehr viel erfolgreicher als ungeführtes Lernen. Die Individualisierung ist nach dieser Studie ohne Effekt.

Vollkommen unseriös und unzutreffend ist seiner Meinung nach dagegen die Kess-Studie, die Leistungen der Abiturjahrgänge 2005 und 2011 in Hamburg vergleicht und zu dem Ergebnis kommt „Turbo-Abi wirkt positiv auf Leistungen“. Bis heute gibt es noch keine Klarheit über die Verfahrensweise, auf die sich diese Studie begründet.

Zuletzt verurteilt Dr. Klein noch die mit den Bildungsstandards verordnete Kompetenzorientierung. Die Bedeutung der Inhalte wurde zugunsten von Methodenorientierung geschwächt. Bei den Methoden ginge es aber nicht um spezifische Fachmethoden, die zum Verständnis des Fachwissens beitrügen, sondern um übergreifende Bearbeitungsformen vorgegebener Wissensbestände. Unterricht entferne sich immer mehr von soliden Fachkenntnissen. Maßgeblich sei vielmehr die ansprechende multimediale Präsentation vorgegebenen Wissens. Überspitzt formuliert: Schüler/innen wüssten immer weniger, das aber und sich selbst könnten sie immer souveräner präsentieren. Die Entinhaltisierung der Fächer und die Aufgabe fachstrukturierter Vorgaben zugunsten beliebig definierbarer Kompetenzen ist in einer Wissensgesellschaft für den Bildungsstandort Deutschland äußerst fragwürdig.

Georg Münzhuber, stellv. Sprecher der Seminarlehrervertretung im BPV